Bakterien, Viren, Pilze und andere Keime verbreiten sich auf unterschiedlichen Wegen und versuchen rund um die Uhr, in den menschlichen Organismus zu gelangen. In den meisten Fällen verteidigt uns das Immun­system erfolgreich gegen diese äußeren Eindringlinge und wird daher auch als „Körperpolizei“ bezeichnet. Von Brigitte Bonder

Immunsystem

Leukozyten sind Blutzellen, die für die Infektabwehr verantwortlich sind. Man nennt sie auch weiße Blutzellen oder weiße Blutkörperchen, da sie keinen roten Blutfarbstoff enthalten. Illustration: Adobe Stock/Tatiana Shepeleva

Oftmals bemerkt der Mensch die Arbeit des Abwehrsystems gar nicht, in anderen Fällen hingegen werden Erreger mit Husten, Schnupfen, Fieber oder anderen Symptomen bekämpft. „Wenn das Immunsystem erkennt, dass körperfremdes Material in den Organismus eindringen will, beginnt die Abwehrreaktion“, erklärt Dr. med. Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Instituts für hausärztliche Fortbildung im Deutschen Hausärzteverband und Mitglied des Bundesvorstands.

„Zunächst werden die Schleimhäute aktiviert und die Durchblutung gesteigert, man erkennt das etwa an der Rachen­rötung.“ Als Folge können beispielsweise Halsschmerzen auftreten, die Betroffenen fühlen sich krank. „Damit signalisiert uns der Körper: Heute bleibe ich besser in der Höhle und gehe nicht auf Mammutjagd“, beschreibt Dr. Mühlenfeld den Prozess.

Die unterschiedlichen Zellen des Immunsystems begeben sich jetzt auf die Suche nach den Eindringlingen und nehmen den Kampf auf. Je nach Ausmaß des Angriffs und Stärke der Immunantwort wird der Mensch dann wieder gesund oder erkrankt zunächst stärker.

Granulozyten bilden die erste Abwehrwelle gegen Bakterien

Das Abwehrsystem setzt sich aus einer ganzen Reihe von komplexen Verteidigungseinheiten zusammen. Eine wichtige Rolle spielen Organe und Organteile wie die Haut oder die Schleimhäute von Nase, Rachen oder Darm. Sie sind vielfach ein Einfallstor für fremde Stoffe, bekämpfen diese aber an vorderster Front mit ersten Abwehrreaktionen und halten die gröbsten Angriffe ab.

So werden Eindringlinge beispielsweise durch Husten und Niesen direkt wieder hinausgeschleudert. Enzyme in der Mundhöhle und die salzsäurehaltige Magensäure vernichten Erreger, die über die Nahrung aufgenommen werden, und im Darm erfolgt die Infektabwehr durch spezielle Bakterien.

Haben körperfremde Keime diese anatomischen Barrieren überwunden, beginnt die Arbeit der sogenannten angeborenen Abwehr. Der Organismus reagiert sehr schnell, aber relativ unspezifisch auf Eindringlinge. Dazu patrouillieren Leukozyten, also weiße Blutkörperchen, ständig in Blutbahn, Lymphwegen und Gewebe. Sie werden im Knochenmark gebildet und zirkulieren in der Haut, in Schleimhäuten, Lymphknoten und der Milz, um fremde Strukturen zu erkennen und zu bekämpfen. Einen großen Teil der Immunzellen machen die Granulozyten aus. Sie bilden die erste Abwehrwelle gegen Bakterien und können Erreger unschädlich machen.

Der Mensch hat neben der angeborenen Abwehr zusätzlich ein lern­fähiges Abwehrsystem

„Weiterhin werden spezielle Fresszellen, sogenannte Makrophagen, aktiviert“, erläutert Dr. Hans-Michael Mühlenfeld. „Sie haben die Aufgabe, die Eindringlinge anzugreifen und abzutöten.“ Gemeinsam mit den Granulozyten besitzen sie die Fähigkeit, Bakterien, Zellreste und sonstige Partikel in sich aufzunehmen und zu entsorgen.

Wie alle Wirbeltiere verfügt der Mensch neben der angeborenen Abwehr zusätzlich über ein lern­fähiges Abwehrsystem. „Diese erworbene Immunkompetenz baut sich individuell und erst im Laufe des Lebens, zum Beispiel während des Durchlebens von Krankheiten oder Impfungen, auf“, erklärt Dr. Mühlenfeld den Unterschied. Es kann spezifisch auf Bedrohungen von außen reagieren und sich über ein Immungedächtnis an Keime „erinnern“, denen es bereits begegnet ist.

Eine wichtige Rolle übernehmen dabei bestimmte weiße Blutkörperchen, die B-Lymphozyten. Sie entstehen im Knochenmark und bilden gegen Eindringlinge die passenden Abwehrstoffe in Form von Antikörpern. Hierbei handelt es sich um Eiweiße mit bestimmten Merkmalen, die genau zu einem Antigen, also beispielsweise einem Virus oder Bakterium, passen. In der Folge verbinden sich die Antikörper mit den Eindringlingen und behindern so die Aktivität der Krankheitserreger. In dieser Form können sie zudem von den Fresszellen schneller gefunden und vernichtet werden. Da sich die B-Lymphozyten die Struktur der Eindringlinge merken, kann der menschliche Organismus bei einer erneuten Infektion rasch passende Antikörper bilden und den Kampf deutlich schneller aufnehmen.

Ist das Immunsystem geschwächt, steigt die Gefahr von Infektionen

Ein typisches Beispiel sind Masern: Wer die Krankheit einmal überstanden hat, kann sie in der Regel nicht wieder bekommen, weil die Viren bei einer wiederholten Ansteckung direkt vernichtet werden. Dieser Zustand wird als Immunität gegen eine Krankheit bezeichnet und bleibt über das Immungedächtnis bestehen. Auch Impfungen funktionieren nach diesem Prinzip. Der Lernprozess beginnt beim Menschen bereits in den ersten Lebensjahren.

Der Körper muss präzise zwischen eigenen und fremden Strukturen unterscheiden und bildet frühzeitig spezifische Abwehrmechanismen gegen Tausende von Krankheitserregern. Das Ergebnis ist ein leistungsfähiges und sehr individuelles Abwehrsystem, das lebenslang weiter lernen kann. Ist das Immunsystem geschwächt, steigt die Gefahr von Infektionen. Ein Beispiel sind erblich bedingte Immundefekte, bei denen einzelne Komponenten der Abwehr ausfallen. Diese angeborenen Erkrankungen treten jedoch ausgesprochen selten auf. Viel häufiger verursachen Krankheiten die Probleme bei der körpereigenen Abwehr.

„Sogenannte Autoimmun­erkrankungen wie Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis oder Diabetes Typ 1 können das Immunsystem dauerhaft schwächen“, gibt Dr. Mühlenfeld einige Beispiele. „Gleiches gilt für chronisch entzündliche Darmerkrankungen und Viruserkrankungen wie etwa Aids.“ Bei Betroffenen funktionieren die Schutzmechanismen nicht fehlerfrei und das Abwehrsystem greift fälschlicherweise körpereigene Strukturen an.

Patienten auf Intensivstationen sind anfälliger für Infektionen

Eine vorübergehende Immunschwäche kann auch bei Menschen mit schweren Erkrankungen auftreten. So sind Patienten auf Intensivstationen anfälliger für Infektionen. Bricht die Immunabwehr vollständig zusammen, kann es zu einer Blutvergiftung kommen. Bei einer Sepsis gelangen Krankheitserreger in großer Zahl ins Blut.

Die Betroffenen entwickeln hohes Fieber, Organe wie Niere oder Leber werden in Mitleidenschaft gezogen und es droht Lebensgefahr. Die Sepsis muss daher schnell erkannt und effektiv behandelt werden. Nicht nur eine Krankheit, sondern auch deren Behandlung kann die Ursache eines geschwächten Abwehrsystems sein. Bei einer Chemotherapie beispielsweise wird die Blutbildung im Knochenmark beeinträchtigt. Die Anzahl weißer Blutkörperchen sinkt und das Immunsystem wird beeinträchtigt.

In einigen Fällen ist eine absichtliche Dämpfung der Abwehr nötig. So wird nach einer Organtransplantation das als fremd erkannte Gewebe bekämpft, ohne Gegenmaßnahmen könnte das Organ abgestoßen werden. Durch Medikamente wird die Immunreaktion daher absichtlich geschwächt.

Eine gesunde Ernährung trägt dazu bei, das Immunsystem zu stärken

Darüber hinaus gibt es schädigende Faktoren, die die Funktion der Immunabwehr herabsetzen können. „Man sollte den Körper bei der Immunabwehr vor allem nicht behindern“, warnt Dr. Mühlenfeld. „Hilfreich ist es also, auf Nikotin und Alkohol zu verzichten. Daneben empfehlen sich körperliche Schonung bei Infektbeginn, Stressreduktion und Spaziergänge an der frischen Luft.“

Jeder sollte zudem die Hygieneregeln einhalten, auf ausreichendes Ausruhen und genügend Schlaf achten und insgesamt achtsam mit sich umgehen. Eine gesunde Ernährung – wenig Fleisch, viel Gemüse und Obst – trägt ebenso dazu bei, das Immunsystem zu stärken.

Weitere Infos gibt es hier https://www.hausaerzteverband.de/