Zwei Global Player, drei Start-ups und eine Campingplatz-Besitzerin – Sie alle waren zu Gast bei der Veranstaltung „Disrupt Yourself“ der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten in Kooperation mit der HypoVereinsbank. Als prominenter Vordenker des digitalen Wandels hielt Christoph Keese die Keynote. Von Corinna Pehar

Disrupt Yourself

Foto: perfectfotos.com

Wenn ihm jemand von seinem Geschäft erzählt, hat Christoph Keese stets den Gedanken: „Wie kann ich das kaputtmachen?“ Während der Keynote des bekanntesten Vordenkers des digitalen Wandels in Deutschland hört man in den Wagenhallen immer wieder ein Lachen unter den mehr als 600 geladenen Gästen von „Disrupt Yourself“.

An diesem Abend brennen die Unternehmer aus der Region darauf zu erfahren, wie sie dem digitalen Wandel begegnen – oder besser, wie sie ihn überstehen. Noch radikalere Worte dafür hat der Keynote-Speaker, der als Manager maßgeblich zur digitalen Transformation der Axel Springer SE beitrug. „Sie haben die Wahl, ob Sie dem Kannibalen zum Opfer fallen oder selbst der Kannibale sein wollen!“

Was das konkret bedeutet, hat Kesse mit einem Team aus Digitalisierungsexperten und Verantwortlichen von HypoVereinsbank, Heidelberger Druckmaschinen AG, Daimler AG und den Start-ups relayr, Laserhub und blik präzisiert. Es gehe nicht nur darum, sich technisch zu rüsten, sondern um die Revolution der Geschäftsmodelle. „Jede Ineffizienz, die beseitigt werden kann, wird beseitigt.“ Der derzeit stärkste Trend sei „CAPEX to OPEX“ – also Investitionskosten (Capital Expenditures) in operative Ausgaben (Operating Expenses) zu verwandeln. Wer sich mit einem Kredit eine neue, teure Druckmaschine anschaffe, müsse dafür sorgen, dass auch die Umsätze steigen. „Wie effizient sie läuft, liegt in ihrem Geschick“, so Keese und schlägt dem Publikum vor, neu zu denken: Die Maschine hat einen Sensor, der misst, wann sie kaputtgeht – so könne sie vorher repariert werden. „Damit vermeiden Sie Stillstandzeiten.“

„Plattformen beherrschen die Welt“

Der Hersteller garantiere dem Drucker anhand einer Versicherung eine Optimierung von 97 Prozent. Werde diese nicht eingehalten, bekomme er Geld. Noch weiter gedacht: Die Maschine wird nicht gekauft, sondern gemietet. Der Clou: „Sie bezahlen nur noch den Output.“ Und wo bleibt der Vorteil für den Maschinenhersteller? „Der braucht erst mal einen Banker, der nicht nervös wird“, sagt Keese. Denn der Umsatz werde erst einmal einbrechen – allerdings
geplant – und sich über die Jahre kontinuierlich steigern. Weil sich der Umsatz der Heidelberger Druckmaschinen in den letzten zehn Jahren halbiert hat, habe das Unternehmen sein Geschäftsmodell verändert, erklärt Sonja Mechling, Marketingchefin der Heidelberger Druckmaschinen AG und Geschäftsführerin der Heidelberg Digital Unit. „Dank unserer Abomodelle wird mit weniger Maschinen mehr gedruckt und unser Print-Production-Volume steigt jährlich um fünf Prozent.“

Der zweite Trend seien Asset-Light-Geschäfte, bei denen die Unternehmen wie Apple, Google oder Uber fast kein Anlagevermögen besitzen und Rekordergebnisse
erzielen. „Plattformen beherrschen die Welt“, stellt Christoph Keese klar. Auch das 2017 in Stuttgart gegründete Start-up Laserhub beschreitet diesen Weg und kann mit mittlerweile 24 Mitarbeitern auf einen Umsatz von „einem guten, einstelligen Millionenbetrag“ blicken, sagt Jonas Schweizer, Gründer und Geschäftsführer für Softwareentwicklung und Digitalisierung.

„Disrupt Yourself“: Disruptive Ideen

„Wer sind Eure Opfer?“, will Christoph Keese vom Start-up-Gründer wissen. „Wir greifen ganz klar die Blechbearbeiter an.“ Denn Laserhub beschafft über eine Plattform individuelle Blechteile, ohne eine einzige Maschine zu besitzen. „Wir vermitteln den Auftrag an jemanden in der Nähe, der Kapazitäten hat“, verdeutlicht Jonas Schweizer.

Damit hebe man die Effizienz und lerne den Markt kennen. Keese: „Was hält Trumpf von Euch?“ – „Sie finden uns sehr interessant“, antwortet Schweizer. Auf die Frage, welcher mutige Unternehmer aus dem Publikum denn gern live auf dem Podium sein Unternehmen zerstören lassen möchte, meldet sich Heidrun Müller aus Lindau. Sie betreibt seit 25 Jahren ihren Campingplatz Gitzenweiler Hof und zählt pro Jahr 270 000 Übernachtungen. Als Manager Owner gestalte sie derzeit einen digitalen Wandel im Marketing – zwölf Prozent ihres Umsatzes fließe in Werbung. Doch wie soll das gehen, wenn der Telefonanbieter keine Leitungen bis zu ihrem Hof verlege und sie kein flächendeckendes WLAN anbieten kann? Die disruptive Idee von Jonas Schweizer: „Machen Sie fünf Jahre ein WLAN-Sharing-Modell und verkaufen sie denn Platz dann.“ Doch wohin dann mit den Campern? „Am besten in private Gärten – dann kann man am Abend noch gemütlich mit dem Besitzer grillen und sich unterhalten“, schlägt Sonja Mechling vor.

Doch ob es wirklich so weit kommen muss? Tino Frenzen, Firmenkundenchef der Region Südwest bei der HypoVereinsbank, versichert der Campingplatz-Chefin: „Ein Geschäft, das an guter Gastfreundschaft hängt, hat Zukunft.“

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