Eine duale Ausbildung ist eine solide Grundlage für den beruflichen Weg und ein heute gewählter Beruf keine Einbahnstraße mehr. Trotzdem tun sich viele schwer bei der Berufswahl, denn die Möglichkeiten sind vielfältig. Lesen Sie heute: Wie Schülerinnen und Schüler bei der Berufsorientierung unterstützt werden. Von Anja Schreiber

Duale Ausbildung

In der Schule ist Berufsorientierung Thema im Unterricht, außerdem können sich Schülerinnen und Schüler via Apps, Online-Tests und Videos informieren. Berater der Arbeitsagentur, der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer stehen zur Verfügung. Doch eine gute Berufswahl steht und fällt mit dem Interesse und Engagement der jungen Leute.

„Am Anfang steht für Schüler die Orientierungsphase. Diese beginnt zwei Jahre vor dem Schulabschluss, also teilweise schon in der achten Klasse“, berichtet Natalie Jäger, Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur in Böblingen. „Wer nach der zehnten Klasse die Schule verlässt, macht oft in der neunten Klasse zwischen November und Februar sein Schulpraktikum.“ Idealerweise sollte danach die Entscheidung für einen bestimmten Beruf fallen. „Denn die Bewerbungsfristen für große Firmen beginnen bereits eineinhalb Jahre vor Ausbildungsbeginn.“ Je früher Jugendliche einen Beruf auswählen, desto mehr Möglichkeiten haben sie.

„Neben der Wissensvermittlung in der Schule sollten sich Jugendliche auch eigen-verantwortlich mit dem Thema beschäftigen“, sagt Jäger. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) bietet zum Beispiel die Apps „Berufe Entdecker“ und „AzubiWelt“ an. Solche Info-Apps helfen bei der Orientierung. So finden sich in der „AzubiWelt“ Videos, Bilder und die wichtigsten Infos zu den verschiedenen Berufen. Die passenden Ausbildungsstellen werden ebenfalls angezeigt. Sobald man sich für einen Ausbildungsberuf entschieden hat, gibt es die Möglichkeit, sich Push-Nachrichten zu offenen Ausbildungsplätzen zusenden zu lassen. Natürlich können die Schüler offene Ausbildungsstellen auch regelmäßig von der Berufsberatung per Post erhalten.

„Qualipass“ zur Berufsberatung mitbringen

Ein weiteres Hilfsmittel ist das Selbst­erkundungstool der BA, das ebenfalls im Internet zu finden ist. Mit ihm lässt sich herausfinden, ob ein favorisierter Beruf tatsächlich zu einem passt. Es ermittelt anhand eines psychologisch fundierten Testverfahrens, was ein Schüler kann und wofür er sich interessiert. So hilft das Online-Tool Jugendlichen, sich klar darüber zu werden, mit welchen der vielen Ausbildungsberufe und Studienfelder sie sich näher beschäftigen sollten.

Wer bereits mit den Apps und dem Selbsterkundungstool gearbeitet hat, ist gut vorbereitet, um sich von einem Berufsberater der Arbeitsagentur persönlich und individuell beraten zu lassen. „Am besten bringen die Schüler ihren ‚Qualipass‘ und andere Dokumentationen zum Thema Berufsorientierung mit“, erklärt Jäger. Denn mit diesen Unterlagen sei es leichter, ein Gespräch über die Kompetenzen, Interessen und Wünsche des Jugendlichen zu führen.

Auch die Handwerkskammern unterstützen junge Leute dabei, den passenden Beruf zu finden. „Wir haben mit den Schulen zahlreiche Kooperationen. So bieten wir in unserer Bildungsakademie eine praxis­nahe Berufsorientierung an“, berichtet Katharina Schütz, zuständige Teamleiterin der Handwerkskammer Region Stuttgart. „Dort erhalten die Jugendlichen Einblick in verschiedene Handwerkstechniken. Sie können so erkunden, welches Material ihnen liegt oder ob sie überhaupt handwerklich arbei-ten wollen.“ Das Projekt „ProBerufGym“ wiederum richtet sich speziell an Gymnasiasten. „In Kooperation mit den Schulen veranstalten wir Projektwochen.“ Interessierte erhalten nicht nur eine Kompetenzanalyse, sondern lernen auch drei verschiedene Betriebe und Berufsfelder kennen.

Duale Ausbildung: Praktika sind entscheidend

„In solchen Projekten können Schüler herausfinden, ob ihnen eine bestimmte Be-rufstätigkeit liegt und sie ihnen Spaß macht. Sie probieren sich aus und bekommen Feedback“, berichtet Schütz. „ProBerufGym“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und vom Wirtschaftsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg unterstützt. Allerdings empfiehlt sie Jugendlichen, im Betrieb zusätzliche Praxiserfahrung zu sammeln. „Die Praxiserkundungen in unserer Bildungsakademie sind etwas anderes als ein längeres Praktikum in einem Unternehmen, in dem man auch den Arbeitsalltag kennenlernt.“

Für eine fundierte Berufsentscheidung sei diese Erfahrung aber ganz zentral. „Denn die Schüler erleben auch die Hektik im Betrieb, wenn ein Auftrag fertig werden muss.“ Außerdem sei die Atmosphäre von Beruf zu Beruf unterschiedlich. Auch das sollten junge Leute hautnah erleben. „Die Stimmung beim Friseur ist anders als in einer Kfz-Werkstatt.“

Gerade im Handwerk sind auch kurzfristige Praktika möglich. Schütz: „Oft reichen schon ein paar Tage Vorlaufzeit. Außerdem können Schulabgänger sogar noch im Sommer vor dem eigentlichen Ausbildungs­beginn ein Schnupperpraktikum im Handwerk absolvieren.“ Selbst den Beginn der Ausbildung handhaben Betriebe flexibel. Jäger weiß ebenfalls, wie entscheidend Praktika sind: „Ich beobachte, dass die Schüler so neuen Input bekommen. Diesen können wir dann gemeinsam in der Beratung reflektieren.“

Wichtig sei abzugleichen, ob die eigenen Kompetenzen zu den angeforderten Fähigkeiten passen. „Wer Kfz-Mechatroniker werden will, aber in Mathe und Physik nur Vieren vorweisen kann, hat wenig Chancen.“ Dennoch er­mutigt sie schlechtere Schüler: „Gerade diese sollten Motivation und Engagement zeigen und freiwillige Praktika absolvieren. Denn so können sie Unternehmen von sich überzeugen.“

Hilfreiche Adressen zur Berufsorientierung