Eine duale Ausbildung ist eine solide Grundlage für den beruflichen Weg und ein heute gewählter Beruf keine Einbahnstraße mehr. Lesen Sie heute: Warum die IT-Kompetenz der Azubis immer wichtiger wird. Von Leila Haidar

Digitale Berichtshefte, Kommunikationstools wie Slack oder Whatsapp und Programmieren lernen – die duale Ausbildung verändert sich und bildet mehr und mehr die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts ab. Neu entstanden ist 2018 der Beruf der Kaufleute im E-Commerce. Mit Erfolg: Laut Handelsverband Deutschland starteten gleich im ersten Jahr 1400 Auszubildende.

Mehr als 80 Prozent der Unternehmen geben bei einer bundesweiten IHK-Umfrage an, die IT-Kompetenz von Azubis gewinne an Bedeutung. Sven Tengel spürt das täglich. Der angehende Mechatroniker beim Fassadenspezialisten Riva GmbH in Backnang lernt neben Schaltplänen zeichnen und Kabel ziehen unter anderem Programmieren. „Heute ist alles mit allem vernetzt, Maschinen und Anlagen ,sprechen‘ miteinander. Ich sorge dafür, dass sie das tun können“, erzählt der 18-Jährige.

Der Auszubildende im zweiten Lehrjahr hat sich den Beruf des Mechatronikers ausgesucht, weil hier Mechanik, Elektronik und IT aufeinandertreffen. Er freut sich auf den Abteilungsdurchlauf, bei dem er unter anderem lernt, wie man eine App entwickelt und mit der Hardware abstimmt. Apropos App: Sein Berichtsheft schreibt Tengel schon seit einiger Zeit nicht mehr von Hand. Auf dem iPad getippt, über eine Applikation an den Ausbilder gesendet und elektronisch freigegeben, funktioniert das in diesem Handwerksberuf heute ganz papierlos.

Digitales Klassenzimmer

Auch die IHK https://www.stuttgart.ihk24.de/ war nicht untätig. Die Organisation entwickelte jüngst auf Bundesebene ein elektronisches Berichtsheft, mit dem sich Prüfer schon im Vorfeld vergewissern können, ob alle Zulassungsvoraussetzungen erfüllt sind. „Unsere Kunden, egal ob Azubis, Ausbilder, Prüfer oder in der Weiterbildung, sollen nur noch elektronisch bedient werden. Das ist meine Vision!“, erklärt Andrea Bosch, Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung bei der IHK Region Stuttgart, gegenüber dem „Magazin Wirtschaft“ der IHK.

Bei Riva Engineering ist man auch sonst digital unterwegs. „Wir haben Zugang zu einem digitalen Klassenzimmer, wo wir uns auf Prüfungen und Klassenarbeiten vorbereiten oder den Unterricht wiederholen können“, erzählt Tengel. Mit dem digitalen Lernsystem Connect2Learn, das Riva selbst entwickelte, kann der Azubi Elektrobauteile zusammenstellen und lernen, wie sie funktionieren. Schaltungen stellt er dann beispielsweise real zusammen, das iPad simuliert den Strom.  „Damit kann ich mir den Lehrstoff eigenständig und in meinem eigenen Lerntempo aneignen.“

Ein Projekt fordert ihn besonders: Die Azubis erarbeiten gerade ein voll automatisiertes und App- gesteuertes Modell des Riva-Geländes in Miniatur. Hier sollen später echte Fahrzeuge fahren. Ein Transporter lässt dann ein Geschenk in einen Schacht fallen, aus dem es Gäste entnehmen können. „Wir arbeiten hier in interdisziplinären Teams anhand des Lehrplans“, erzählt Tengel.

Duale Ausbildung vor Studium

Für seinen Traumberuf verzichtete Michael Horvath auf ein Studium. „Nach einem Praktikum beim Architekten entschied ich mich für die Ausbildung zum Bauzeichner bei Züblin“, erzählt der 26-Jährige, der nach dem Abitur bei dem Bauriesen anheuerte. Im Technischen Büro Tiefbau in Stuttgart plante Horvath während seiner Lehrzeit Baugruben, konstruierte Baupläne und machte sich Gedanken zur Randbebauung. „Mein Job ist es, Kollisionen mit Rohren und Leitungen zu vermeiden“, sagt der ausgelernte Bauzeichner im Bereich Zentrale Technik in Hamburg.

Während seiner Ausbildung und bis heute modelliert er seine Projekte in 3-D, dem sogenannten Building Information Modeling (BIM). „Ich berücksichtige die verschiedenen Kräfte, die zum Beispiel auf die Baugrube wirken, und sorge dafür, dass die gesetzten Ankerpunkte halten“, sagt Horvath. Als Voraussetzung für seinen Beruf nennt er räumliches Vorstellungsvermögen, technisches Verständnis und mathematisches Grundverständnis.

Eine selbstständige und sorgfältige Arbeitsweise mit Augenmaß hilft dabei voranzukommen. Der Beruf des Bauzeichners macht ihm nun so viel Spaß, dass er seinen ursprünglichen Plan zu studieren vorerst auf Eis legen will.

Duale Ausbildung

Sven Tengel macht eine duale Ausbildung zum Mechatroniker und lernt unter anderem Programmieren. Foto: Riva