Bei öffentliche Bauvorhaben laufen die Kosten immer mal wieder aus dem Ruder. Das soll bei der Sanierung des Opernhauses Stuttgart nicht passieren. Finanz-und Immobilienautor Ingo Dalcolmo hat den geschäftsführenden Intendanten der Staatstheater Stuttgart Marc-Oliver Hendriks getroffen und exklusiv über das komplizierte Unterfangen gesprochen.

Sanierung Opernhaus Stuttgart

Foto: Wilhelm Mierendorf

Die Stuttgarter sind ein gebrandmarktes Kind, wenn es um die Kosten großer öffentlicher Bauvorhaben geht. Immer wieder geraten Politiker in die Kritik, weil sie Projekte schönredeten und kleinrechneten. Bei der Sanierung des Opernhauses in Stuttgart sind Land und Stadt erstmals einen anderen Weg gegangen.

„Eine Milliarde ist eine große Zahl.“ Man müsse aber wissen, dass es eine Zahl aus der Zukunft sei, versucht Marc-Oliver Hendriks, geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart, die immensen Kostensteigerungen für die Sanierung des Opernbetriebs zu erklären. Seitdem die jüngsten Zahlen für die Sanierung des Littmann-Baus bekannt wurden, vergeht kein Tag, an dem nicht über die Förderung der Hochkultur in diesem Land kontrovers und hitzig diskutiert wird.

Das Thema ist kompliziert. Seit den 70er Jahren war klar, dass an einer grundlegenden Sanierung des Großen Hauses kein Weg vorbeiführt. Technische Probleme wie defekte oder zugewachsene Heizungsrohre, kurzschluss- und brandgefährdete Elektroleitungen sowie renovierungsbedürftige Sanitärinstallationen gab es schon vor 50 Jahren. Allen war klar, dass eine Generalsanierung des Großen Hauses zu einem erheblichen Eingriff in die vorhandene Bausubstanz führen und viel Zeit kosten würde. Auch bei den anvisierten Kosten von damals 4,5 Millionen D-Mark blieb es nicht. Am Ende kosteten die Baumaßnahmen viermal so viel.

Größte Erneuerung seit der Eröffnung im Jahr 1912

Rund 35 Jahre nach der letzten Sanierung steht dem Littmann-Bau wohl die größte Erneuerung seit seiner Fertigstellung im Jahr 1912 bevor. Während die letzte Sanierung vor allem das Augenmerk auf die Rekonstruktion des Zuschauerraums nach den Originalplänen von Max Littmann legte, geht es heute in erster Linie um die Arbeitsplätze und die aus den 80er Jahren stammende Bühnen- und Haustechnik.

Dabei muss nicht nur der historische Bau vollständig saniert und um eine Kreuzbühne ergänzt, sondern auch das Kulissengebäude abgerissen und durch einen moderneren Anbau ersetzt werden. „Der Betrieb wird nur noch mit Blick auf eine anstehende Sanierung geduldet. Wird nicht saniert, droht eine Betriebsschließung“, macht Marc-Oliver Hendriks den Ernst der Lage deutlich.

Eine Schließung will niemand. Zumal die Stuttgarter Oper international zu den renommiertesten Kulturhäusern gehört. Nicht nur das Stuttgarter Ballett genießt Weltruhm. Die Oper wurde bereits sechsmal als „Opernhaus des Jahres“ ausgezeichnet. Fast eine halbe Million Menschen besuchen jedes Jahr die Aufführungen. All das stellen die Kritiker nicht in Abrede – nur die Kosten von nahezu einer Milliarde Euro.

Marc-Oliver Hendriks bemüht sich, die „Horrorzahl“ zu relativieren. Tatsächlich liege der aktuelle Sanierungsbedarf „nur“ bei 550 Milliarden Euro – Stand Dezember 2019. Davon entfielen 260 Millionen Euro auf die Sanierung des Littmann-Baus, 200 Millionen Euro auf den Abriss und Neubau des Kulissengebäudes und weitere 90 Millionen auf die Sanierung der Nebengebäude, zählt er auf. „Der Sanierungsbedarf und die daraus resultierenden Kosten sind belastbar“, sagt der geschäftsführende Intendant und beruft sich dabei auf mehrere Gutachten, die den Sanierungsbedarf auf der Grundlage der heute geltenden gesetzlichen Bestimmungen zur Arbeitssicherheit, Energieeinsparung und Gebäudetechnik ermittelten.

Immer wieder in der Diskussion: der Einbau einer sogenannten Kreuzbühne, die im Vergleich zu den Gesamtkosten mit rund 26 Millionen Euro kaum ins Gewicht fällt, da die Bühnentechnik sowieso ausgetauscht werden müsste. Manchen Kritikern ist allerdings ein Dorn im Auge, dass dadurch ein Teil der zum Landtag hin gerichteten historischen Fassade um 2,50 Meter verlängert werden muss.

Für Marc-Oliver Hendriks sprechen vor allem praktische Gründe und Kosteneinsparungen für die Kreuzbühne, die längst zum Standard moderner Opernhäuser gehörten. Durch den schnelleren Wechsel der Kulissen kann nicht nur die Auf- und Umbauzeit verkürzt werden, sondern vor allem auch mehr Aufführungen des Stuttgarter Balletts stattfinden, das derzeit die Nachfrage nach Karten bei Weitem nicht befriedigen kann und immer wieder Besucher mangels Platz abweisen muss.

Sanierung des Opernhauses Stuttgart: „Je länger wir warten, umso teurer wird es“

Dass mittlerweile eine Zahl von einer Milliarde Euro im Raum steht, will Marc-Oliver Hendriks gar nicht in Abrede stellen und lobt ausdrücklich die politischen Entscheidungsträger in Land und Stadt, diese Zahl kommuniziert zu haben. „Es war richtig, diese Zahl nicht nur wie einen Eiswürfel in die Sonne zu legen, wo er nur die Chance hat zu schmelzen.“ Sondern das man berücksichtigt, dass es so etwas wie Inflation gibt und dass auch etwas Unvorhergesehenes passieren könne. Deshalb wurden ein Sicherheitsaufschlag von 30 Prozent und eine jährliche Inflationsrate von drei bis vier Prozent auf die aktuell vorliegenden Kosten aufgeschlagen.

„So werden aus den 550 Millionen Euro, die es heute kosten würde, fast eine Milliarde Euro.“ Wer die Zahl das erste Mal hört, dürfe aber nicht den Fehler machen, mit dem heutigen Kaufkraftgefühl an diese Zahl heranzugehen, da in dieser Zahl nur die Inflation fortgeschrieben wurde. „Es ist und bleibt eine Zahl aus der Zukunft. Aber je länger wir mit der Sanierung warten, umso teurer wird es“, betont Marc- Oliver Hendriks.

Übrigens: Die Öffentliche Hand ist durchaus in der Lage, den Kostenrahmen einzuhalten. Jüngster Beweis: der Umbau des baden-württembergischen Landtags. Der Kostenrahmen von 52,1 Millionen Euro wurde nicht überschritten.

Weitere Informationen gibt es hier https://www.staatstheater-stuttgart.de/