Wie kann man seinen Wohnort, seine Stadt besser kennenlernen als zu Fuß? Wandern ist schon länger im Trend und in Corona-Zeiten ist draußen zu gehen besonders angesagt. Und weil jeder Trend einen Namen braucht, ist das Urban Hiking. Das Stadtwandern. Unsere Autorin weiß, wo Urban Hiking in Stuttgart am meisten Spaß macht. Von Dagmar Engel-Platz

Urban Hiking in Stuttgart

Die Parkseen am Bärenschlössle sind ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderungen. Foto: Engel-Platz

Stuttgart eignet sich ganz besonders, um Urban Hiking durchaus sportlich anzugehen. Denn das Stadtwandern ist weit mehr als Spazierengehen. So eine Wanderung in der städtischen Umgebung kann von ein, zwei Stunden bis zu einem  halben oder ganzen Tag dauern.  Und sie hat den Vorteil, dass man den  Startpunkt der Tour schnell, leicht und preiswert mit öffentlichen Verkehrsmitteln –  mit Bus oder Bahn – erreichen kann.  So ein Stadtabenteuer geht bei Wind und Wetter, ein Vesper lässt sich oft auf dem Weg beschaffen (die Einkehrmöglichkeiten sind in Corona-Zeiten leider beschränkt).

Wer sich bewusst fortbewegt, beobachtet, die kleinen Dinge entdeckt, entwickelt ein Gespür für die Stadt und baut eine Beziehung auf. Also auf zur Expedition zu bekannten und unbekannten Sehenswürdigkeiten, interessanten Plätzen und schönen Aussichtspunkten. Stuttgart, die Stadt zwischen Wald und Reben, hat da viel zu bieten. Und durch die besondere Topografie der Landeshauptstadt kann man ganz schön Höhenmeter sammeln. Und zwar oft treppauf und treppab. Über vierhundert Stäffele, Treppen, soll es in Stuttgart geben, viele haben  Namen und sind im Stadtplan eingezeichnet.

Ein Muss für Neu-Stuttgarter oder Touristen ist die Stäffelestour vom Schlossplatz hinauf zur Villa Reitzenstein und wieder zurück. Vom Schlossplatz aus geht es zunächst an der Oper vorbei durch die Unterführung unter der Konrad-Adenauer-Straße auf die Kulturmeile zur Eugenstraße und dann immer hoch über die Eugenstaffel zum Galatheabrunnen. Die Stäffele gehen auf eine Zeit zurück als die Hanglagen um Stuttgart als Weinbauflächen genutzt wurden. Als die Stadt im 19. Jahrhundert kräftig wuchs, wurden die alten  Fußwege ausgebaut. Noch heute sind  manche Hauseingänge nur über eine  Treppe zu erreichen.

Vom Eugensplatz hat man eine gute Aussicht auf die Stadtmitte

Der Galatheabrunnen am Eugensplatz wurde 1890 eingeweiht und die Stadtführerin Andrea Welz, studierte Kunsthistorikerin, weiß die Geschichte zu erzählen: 1890 gestiftet von Königin Olga erregte die nackte Nymphe heftigen Anstoß. Erst als Olga drohte, die Figur umdrehen zu lassen, damit sie der Stadt ihr nacktes Hinterteil zeige, beruhigte sich der Unmut. Vom Eugensplatz hat man eine erste gute Aussicht auf die Stadtmitte. An der Mopssäule, die an den Humoristen Loriot erinnert, der ein paar Jahre in Stuttgart wohnte, geht’s zur Geroksstaffel, dann ein paar Meter rechts auf der Gerokstraße in den Franz-Dingelstedt-Weg, eine weitere Staffel.

Hier wird’s ruhig und grün, links liegt das Kanonenhäusle, das 1702 gebaut worden ist. Mit Kanonen wurde aber keineswegs auf etwas geschossen, sondern nur Lärm gemacht. So wurde bei Bränden alarmiert. Der Weg führt über die Hillerstraße und Gänsheidestraße zum Albrecht-Goes-Platz, besser bekannt als Bubenbad. An der Aussichtsplattform liegt einem die Stadt wieder zu Füßen. Von dort kann man einen Abstecher zur Villa Reitzenstein, dem Amtssitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten, in der Richard-Wagner-Straße machen. Dann wieder zurück zum Albert-Goes-Platz. Jetzt geht es nur noch bergab über die Georg-Elser-Staffel, die Stafflenbergstraße zur Sünderstaffel. Sie gilt als eine der schönsten und um ihren Namen ranken sich mehrere Geschichten.

Wer die Staffeln bewusst auf- und absteigt, wird auch die Vielfalt entdecken – breite und schmale Treppen, hohe und flache Stufen, unterschiedlichste Geländer und Beleuchtungen. Über die Pfizerstraße und die Urbanstraße gelangt man zum StadtPalais am Charlottenplatz und hat das Neue Schloss wieder vor Augen. Etwa vier Kilometer und 127 Höhenmeter hat man so in den Beinen. Die Zeit? Je nachdem, wie lang man an den kleinen Sehenswürdigkeiten und Aussichtspunkten verweilt.

Urban Hiking in Stuttgart: Unterwegs auf der Willy-Reichert-Staffel mit 408 Stufen

Im Stuttgarter Westen lohnt sich die Tour auf die Karlshöhe, einem beliebten Park mit Biergarten und wunderbarer Aussicht auf den Talkessel. Hier ist die längste Staffel, die Willy-Reichert-Staffel mit 408 Stufen. Höher hinaus geht’s über den historischen Steinbruch und der Hasenbergsteige, vorbei am Trinkwasserspeicher, zum Birkenkopf. Er wird auch „Monte Scherbelino“ genannt, weil hier Trümmerschutt aus dem Zweiten Weltkrieg aufgeschüttet wurde. Er ist mit 511 Metern der höchste Punkt der Innenstadt und bietet einen Rundblick weit in die Region hinaus. Informationen und Wegbeschreibungen gibt’s unter http://www.stuttgart-tourist.de

Bei der Tour im Westen wähnt man sich schon im Grünen. Das wird aber noch getoppt vom Wanderweg „Vom Schloss zum Schlössle“ – das heißt vom Neuen Schloss zum Bärenschlössle. Wer die ganze Tour macht, braucht einen ganzen Tag Zeit, denn sie ist insgesamt etwa 18 Kilometer lang, kann gut in zwei sehr unterschiedlichen Etappen erwandert werden. Der erste Teil führt vorwiegend durch Parkanlagen, durch das „Grüne U“ bis zum Killesberg. An der U-Bahn-Haltestelle am ehemaligen Messeeingang kann man die zweite Etappe etwas längere Etappe in Angriff nehmen. Sie führt am Tennisclub Weißenhof vorbei, dort kann man das Eidechsenhabitat anschauen.

Die Eidechsen wurden von der S-21-Baustelle umgesiedelt. Weiter geht’s zum Bismarckturm, wo man wieder eine schöne Aussicht hat, ein Stück durch den Kräherwald, durchquert das Feuerbachtal und wandert in den Talwald. Vorbei am Forsthaus Solitude durch den Schwarz- und den Rotwildpark geht es zum Bärenschlössle mit den drei Parkseen, die einst zur Wasserversorgung von Stuttgart angelegt worden sind. Das Bärenschlössle ist ein beliebtes Ausflugsziel. Unterwegs gibt es eine Menge Interessantes zu dieser Kulturlandschaft zu entdecken. Informationen und eine Wanderkarte gibt es beim Verschönerungsverein Stuttgart http://www.vsv-stuttgart.de