Die Berufsorientierung ist für Jugendliche mit der Corona-Pandemie noch herausfordernder geworden. Vieles läuft jetzt virtuell und telefonisch ab. Es können aber auch wieder persönliche Kontakte geknüpft werden. Zum Beispiel auf der FirstJob-Ausbildungsmesse. Dr. Susanne Koch, Chefin der Stuttgarter Agentur für Arbeit, gibt einen Überblick über die Situation. Von Dagmar Engel-Platz

FirstJob-Ausbildungsmesse

Foto: Mierendorf

Frau Dr. Koch, die Frage, wie es nach dem Schulabschluss weitergehen soll, war für viele junge Menschen schon vor der Corona-Pandemie kompliziert. Ist Berufsorientierung noch schwieriger geworden?

Sicherlich stellt die aktuelle Lage viele junge Menschen vor besondere Herausforderungen, gerade wenn sie kurz vor dem Schulabschluss stehen. Die Unsicherheit, ob die gefassten Pläne sich realisieren lassen, ist gegenwärtig groß. Wenn ein Auslandsaufenthalt nicht mehr möglich ist und rasch eine andere Lösung gefunden werden muss, stellt das alle Seiten vor Herausfor­derungen. Zudem verzögern sich die Ein­stellungsentscheidungen von Unternehmen. Andererseits bringen manche Jugendliche eine größere Offenheit mit, sich auf Alternativen einzulassen, als vor Corona.

Wie ist die aktuelle Lage auf dem Ausbildungsmarkt?

Der Ausbildungsmarkt zeigt sich momentan robuster als der Arbeitsmarkt. Wir haben immer noch einen Bewerbermarkt, das heißt, es gibt mehr gemeldete Ausbildungsstellen als Bewerberinnen und Bewerber. Anders als in den Vorjahren gibt es durchaus noch Arbeitgeber, die ihre Entscheidung, ob sie ausbilden, noch nicht getroffen haben. Chancen gibt es also genug für die noch rund 1000 jungen Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen und bei uns gemeldet sind. Das entspricht ungefähr den Zahlen aus dem letzten Jahr. Insgesamt rechnen wir aber mit einem Rückgang der betrieblichen Ausbildungsverträge um bis zu zehn Prozent, auch weil mehr Jugendliche sich für den alternativen Weg weiterführende Schule entschieden haben.

Gibt es genügend Lehrstellen? In allen Branchen?

Die Zahl der für dieses Jahr gemeldeten Ausbildungsstellen ist, im Vergleich zum letzten Jahr, um rund 400 oder zehn Prozent zurückgegangen. Da sich dieses Jahr der Ausbildungsstart bei einigen Arbeit­gebern jedoch nach hinten verschieben wird, gehen wir davon aus, dass sich einige Unternehmen doch noch entscheiden auszubilden. Die Branchen, die coronabedingt weniger Ausbildungsstellen als letztes Jahr gemeldet haben, sind der Gastro-Bereich, der Tourismus und das Veranstaltungs- und Eventmanagement.

FirstJob-Ausbildungsmesse: Virtuelle Berufsberatung

Wie sieht Berufsorientierung in Corona-Zeiten genau aus?

Das meiste läuft virtuell oder telefonisch. Das gilt auch für viele Messen, wenn sie überhaupt stattfinden. Unsere Berufsberater waren während der gesamten Pandemie für die jungen Leute ansprechbar – zeitweise nur telefonisch oder online, seit den Pfingstferien auch wieder an den Schulen oder in den Sprechstunden in der Agentur. In den individuellen Gesprächen bemerken wir, wie wichtig eine ausführliche Beratung gerade jetzt ist, weil Alternativen zum Wunschberuf wichtiger geworden sind. Zudem haben wir eine extra geschaltete Hotline für Fragen rund ums Thema Ausbildung eingerichtet.

Warum lohnt es sich, die FirstJob-Messe zu besuchen?

Für junge Erwachsene ist es eine super Gelegenheit, unterschiedliche Arbeitgeber kennenzulernen und ihre Fragen loszuwerden. Auch die Agentur für Arbeit wird vor Ort sein und allgemeine Fragen rund ums Thema Ausbildung beantworten. Ich kann mir auch vorstellen, dass es für junge Menschen leichter ist, mit einem Freund oder einer Freundin gemeinsam potenzielle Arbeit­geber zu befragen.

Wie sollten sich Jugendliche auf die Messe vorbereiten?

Es ist hilfreich, wenn sie sich bereits Gedanken gemacht haben, welcher Arbeitgeber und welche Branche sie interessiert. Im Eifer des Gefechts vergisst man oft wichtige Fragen, deswegen rate ich, einen kleinen Fragenkatalog in der Tasche zu haben. Außerdem lohnt es sich, auch mal einen Beruf oder Arbeitgeber zu erkunden, den man zuvor nicht unter seinen Favoriten hatte.

„Azubis erleben die coronabedingte sprunghafte Digitalisierung hautnah mit“

Warum ist die duale Ausbildung aus Ihrer Sicht ein Erfolgsmodell?

Eine duale Ausbildung ist eine gelungene Mischung aus Theorie und Praxis und damit eine sehr gute Grundlage für den weiteren Berufsweg. Mit so einer Ausbildung sind junge Menschen immer auf dem aktuellsten Stand, verdienen bereits Geld und können sich nach dem Abschluss als Fachkraft überlegen, wie sie ihren beruflichen Weg weiter gestalten. Die Auswahl ist mit rund 300 Ausbildungsberufen groß.

Wie können Fachkräfte denn ihren beruf­lichen Werdegang gestalten?

Zum einen können Absolventen einer dualen Ausbildung als Fachkraft einen qualifizierten Job ausüben. Wenn das Interesse vorhanden ist, kann man den Meister oder Techniker machen. Eine finanzielle Förderung gibt es dafür auch in Form des Aufstiegsbafögs. Zum anderen steht jungen Menschen mit einer abgeschlossenen Ausbildung der Weg frei, ein Studium anzuschließen und damit die akademische Laufbahn zu wählen. Mit ihrer Praxiserfahrung sind sie ein besonders attraktiver Arbeitnehmer.

Die Corona-Pandemie beschleunigt die Digitalisierung auf vielen Feldern, heißt es. Gilt das auch für die duale Ausbildung?

Das gilt sicherlich für alle Bereiche. Aktuelle Azubis erleben coronabedingte sprunghafte Digitalisierung in ihren Betrieben und den Berufsschulen hautnah mit, z. B. virtuelle Zusammenarbeitsformen und Home­office. Aktuelle Bewerberinnen und Bewerber können sich darauf einstellen, dass Vorstellungsgespräche virtuell geführt werden. Digitalisierung hat aber nicht erst seit Corona Einzug in die duale Ausbildung gehalten: Die Ausbildungsinhalte werden ständig angepasst und auf dem aktuellsten Stand gehalten. Zudem entstehen ganz neue Ausbildungen wie zum Beispiel die Kauffrau E-Commerce oder der Kaufmann Digitalisierungsmanagement, der den Beruf des Informatikkaufmanns ablöst.

„In den nächsten Wochen werden noch sehr viele Ausbildungsstellen vermittelt“

Wie unterstützen Sie junge Menschen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz?

Wir begleiten drei Jahre vor dem Abschluss den gesamten Berufswahlprozess ab dem ersten Schulpraktikum. Zusätzlich führen unsere Beraterinnen und Berater zahlreiche Gespräche und informieren über das Port­folio der Ausbildungsstellen. Mit über 300 Ausbildungsberufen braucht es oft eine Orientierung, wo man seine Stärken am besten einsetzen kann und welche Möglichkeiten es überhaupt gibt, in diversen Bereichen zu arbeiten. Wer die Voraussetzungen nicht zu hundert Prozent mitbringt oder noch unsicher ist, ob der Beruf passt, kann gefördert werden. Entweder durch eine vorgeschal­tete Einstiegsqualifizierung oder durch ausbildungsbegleitende Hilfen.

Sie sind angetreten, die Beratung an den Schulen auszuweiten. Dann kam Corona. Wie sah Beratung in Sachen Berufsorientierung während der Schulschließung aus?

Telefonisch waren wir immer erreichbar. Natürlich ist für manche Themen aber das persönliche Gespräch wichtig, deswegen sind wir froh, dass unsere Berufsberater wieder zahlreich an den Schulen vertreten sind und Schülerinnen und Schüler auf Einladung auch wieder zu persönlichen Gesprächen in die Agentur kommen können. Auf http://www.arbeitsagentur.de findet man zu allen Anliegen tolle Kurzfilme rund ums Thema Ausbildung. Mit unserem Tool ChecK-U besteht die Möglichkeit herauszufinden, in welchen Bereichen die eigenen Stärken liegen.

Und wie geht es nun weiter?

Das Ausbildungsjahr ist noch in vollem Gang. Unsere Berufsberaterinnen und Berufsberater stehen in engem Kontakt mit Jugendlichen und auch unser Arbeitgeberservice fokussiert sich auf die Beratung von ausbildenden Betrieben. Gerade in den nächsten Wochen werden noch sehr viele Ausbildungsstellen vermittelt. Falls es mit der Ausbildung nicht klappen sollte, ist es wichtig, einen Plan B zu haben – dabei unterstützen wir. Jeder, der noch nicht weiß, wie es weitergeht, kann sich bei uns melden! Zusätzlich zu unserem bestehenden Angebot sind wir als Bundesagentur für Arbeit dabei, unser virtuelles Angebot auszubauen, damit in Zukunft eine Beratung per Live-Chat möglich sein wird.

First Job: Junge Menschen sollen gut informiert ihren Ausbildungsplatz wählen

Stichwort Matching: Für viele Betriebe ist es eine Herausforderung geworden, eine Lehrstelle mit dem passenden Bewerber oder der passenden Bewerberin zu besetzen. Geben Sie uns dazu einen Ausblick?

Das stimmt. In Stuttgart kommt für Betriebe erschwerend hinzu, dass wir einen Bewerbermarkt haben. Wir raten Arbeitgebern deswegen, ihre Anforderungen nicht zu spezifisch zu fassen, auch mal einen Bewerber einzuladen, der auf den ersten Blick vielleicht nicht genau auf die Anforderungen passt. Oft entdeckt man z. B. Talente an jungen Menschen, die sich nicht durch Noten abbilden lassen. Da die Konkurrenz unter Ausbildern bestehen bleibt, sollten sich Arbeitgeber Maßnahmen überlegen, wie sie ihren Ausbildungsplatz attraktiver gestalten.

Oft sind beispielsweise eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten, moderne, digitalisierte Arbeitsplätze oder Angebote zur Qualifizierung Pluspunkte, die Jugendliche anziehen. Um gerade in diesem Themenfeld zu beraten und einen Austausch von kreativen Ideen zu unterstützen, bieten wir am 13. Oktober einen Business-Talk an. Dieses Jahr wird es um das Thema Flexibilisierung mithilfe von digitalen Maßnahmen gehen. Sicherlich kann sich der eine oder andere Arbeitgeber hier auch einige Tipps zum Akquirieren von Azubis holen.

Ausbildungen werden vorzeitig abgebrochen – bundesweit etwa 25 Prozent. Wie lassen sich Ausbildungsabbrüche vermeiden?

Zunächst einmal steckt nicht hinter jedem Ausbildungsabbruch ein Scheitern der Ausbildung insgesamt – häufig kann mit einem Wechsel das Ausbildungsbetriebs, gelegentlich auch des Ausbildungsberufs, die Ausbildung zum Erfolg geführt werden. Dennoch ist es wichtig, dass die jungen Menschen gut informiert ihren Ausbildungsplatz wählen.  Dafür müssen wir alle an einem Strang ziehen. In Baden-Württemberg sind Schulen und Berufsberatung sehr gut aufgestellt und arbeiten bereits eng zusammen. Junge Menschen müssen alle Informationen bekommen, die ihre Entscheidung zukunftsfähig machen. Erwartungen und Realität müssen abgeglichen werden, dabei hilft oft ein Praktikum. Eine intensive Berufsorientierung bereits in der Schule ist hierfür sehr wichtig.

Bundesagentur für Arbeit bildet in zwei Bereichen aus

Wie unterstützt die Agentur für Arbeit ausbildende Betriebe und deren Ausbilder?

Wir haben diverse Unterstützungs- und Beratungsangebote für ausbildende Betriebe. Dazu gehören die bereits erwähnten Förderinstrumente. Außerdem können wir schwächere Jugendliche während und vor der Ausbildung begleiten und stehen auch mit den Ausbildern zur Unterstützung in Kontakt. Zusätzlich gibt es auch die Möglichkeiten finanzieller Unterstützung für die Betriebe.

Die Bundesagentur für Arbeit ist selbst ein großer Arbeitgeber. Welche Möglichkeiten bietet sie?

Wir bilden in zwei Bereichen aus, zum Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen und zum Fachinformatiker, Letzteres allerdings nur in Nürnberg bzw. Erlangen. Ebenso kann man bei der BA studieren, und zwar Arbeitsmarktmanagement, Beratung, wir haben ein duales IT-Studium und ein Förderstudium Wirtschafts-, Sozialrecht. Am besten informieren Sie sich auf unserer Homepage www.arbeitsagentur.de/karriere.

Wie viele Azubis haben Sie?

Momentan bilden wir im Agenturbezirk Stuttgart in drei Jahrgängen 81 junge Menschen zu Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen aus.