Blinzeln, bitte! Die Augen fühlen sich müde an, und die Betroffenen haben das Bedürfnis, sich die Augen zu reiben. All diese Beschwerden sind Hinweise auf dieselbe Diagnose: trockene Augen. Oder anders gesagt: zu wenig Tränenflüssigkeit. Lesen Sie heute alles rund um Augenheilkunde aus der aktuellen Fokus-Medizin-Ausgabe. Von Gabriele Metsker

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Foto: Adobe Stock/Antonioguillem

Dr. Christoph Kernstock ist Oberarzt an der Sehbehindertenambulanz der Augenklinik in Tübingen. Unserer Fokus-Medizin-Autorin verrät er, warum der so harmlos klingende Befund Handlungsbedarf signalisiert. „Die Beschwerden reichen von der Wahrnehmung, dass es lästig ist, bis zu einer Verschlechterung der Sehfunktion.“ Aber warum ist das regelmäßige Benetzen des Auges durch Tränenflüssigkeit so wichtig?

„Die Oberfläche unserer Augen ist, wie jedes biologisches Gewebe, rau und voller Unebenheiten“, beschreibt er. Erst der Tränenfilm, der – ganz unabhängig vom Weinen – die Augenoberfläche stets bedecke, gleiche diese Unebenheiten aus und erzeuge eine glatte Oberfläche. „Diese brauchen wir zur Lichtbrechung in unserem Auge, um ein scharfes Bild unserer Umgebung zu sehen“ sagt der Experte. Ohne Tränenfilm wären unsere Augen wie eine zerkratzte Brille.

Einfaches Wasser reicht hierfür aber nicht aus, denn es würde einfach hinunterrinnen und die Oberfläche wäre wieder rau. Deswegen hat die Natur mit dem Tränenfilm ein hochkomplexes System erschaffen, das neben Wasser aus vielen weiteren Bestandteilen in einem besonderen Gleichgewicht besteht. Dadurch wird ein gleichmäßiger Flüssigkeitsfilm auf der Augenoberfläche erschaffen, der bis zu mehr als 30 Sekunden stabil bleibt. Immer wieder muss dieser Tränenfilm jedoch aufgefrischt werden. Das geschieht durch Blinzeln. Gebildet werden die einzelnen Bestandteile des Tränenfilms von unterschiedlichen Drüsen in der Nähe der Augen, allen voran von der Tränendrüse und den sogenannten Meibom-Drüsen in den Augenlidern.

 „Künstliche Tränen“ oder „Tränenersatzmittel“ gibt es rezeptfrei in der Apotheke

Die einfachste Therapie bei trockenen Augen ist eine Verbesserung des Tränenfilms durch entsprechende Augentropfen, die es rezeptfrei in der Apotheke gibt. Sie heißen „künstliche Tränen“ oder „Tränenersatzmittel“ – und meinen alle das Gleiche. Es gibt sie von dünnflüssig bis dickflüssig, nur wässrig oder auch ölig mit Lipiden. „Hier zählt primär die persönliche Vorliebe“, sagt Christoph Kernstock. „Dickflüssige und ölige Präparate sind länger anhaltend, müssen also seltener angewendet werden. Doch manche Betroffenen finden dünnflüssigere Präparate ausreichend oder auch angenehmer. Diese müssen dann häufiger angewendet werden.“

Bei einer langfristigen Anwendung von solchen Tränenersatzpräparaten solle darauf geachtet werden, dass sie keine Konservierungsmittel enthalten. Das mache die Präparate zwar teurer, jedoch könnten Konservierungsmittel bei längerer Anwendung zu Unverträglichkeiten führen und genau die Beschwerden verursachen, die man mit den Tropfen wegbekommen möchte.

Wichtig sei, so betont er, dass es mit ein bis zwei Tropfen am Tag nicht getan sei. Denn man blinzle ja auch nicht nur einmal am Tag. „Man sollte mindestens jede Stunde einen Tropfen in jedes Auge träufeln, so lange, bis die Beschwerden über mehrere Tage weg bleiben“, empfiehlt er. Danach könne man die Häufigkeit langsam verringern, bis zu einem Maß, bei dem die Beschwerden wieder gelegentlich auftreten. Dann wisse man, welche Anwendungshäufigkeit man nicht unterschreiten sollte.

Fokus Medizin: Auch auf hormonelle Veränderungen reagieren die Drüsen sensibel

„Das ist individuell unterschiedlich und kann nicht vorhergesagt werden“, sagt er. Sollte selbst mit stündlicher Anwendung von Tränenersatzpräparaten keine ausreichende Linderung zu erreichen sein, gibt es rezeptpflichtige Wirkstoffe, die jedoch immer nur eine Ergänzung zu den Tränenersatzpräparaten darstellen. In diesem Falle ist es angezeigt, einen Augenarzt aufzusuchen, so die Empfehlung der Experten. Die Faktoren, die trockene Augen verursachen können, sind vielfältiger Natur: So nimmt mit zunehmendem Alter die Funktion der Hautdrüsen langsam ab. Die Haut wird weniger elastisch, und auch am Auge merkt man die nachlassende Funktion insbesondere der Meibom-Drüsen: die Stabilität des Tränenfilms lässt nach, und er ist nur noch einzelne Sekunden stabil. Dies reicht dann nicht mehr aus, um die Zeit zwischen dem Blinzeln vollständig zu überbrücken.

Auch auf hormonelle Veränderungen reagieren die Drüsen sensibel, etwa während der Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause. Auch durch chronische ­Entzündung der Augenlider (Blepharitis) kann es zu einer Beeinträchtigung der Funktion der ­Meibom-Drüsen kommen. Dies tritt entweder ­ohne weitere Ursachen auf oder kann Ausdruck einer bestimmten Hauterkrankung sein (Rosazea).

Selten sind Allergien oder andere Erkrankungen des Immunsystems die Ursache. So leiden viele Menschen mit einer Autoimmunerkrankung an trockenen Augen, ganz unabhängig vom Alter. Äußere Einflüsse gibt es allerdings auch, wie zum Beispiel trockene Heizungsluft oder Zugluft durch Klima­anlagen. „Hieraus ergeben sich unterschiedlich starke Ausprägungen der Beschwerden je nach Jahreszeit – bei vielen, aber nicht bei allen Betroffenen“, erläutert Christoph Kernstock.