Die Tumortherapie hat große Fortschritte gemacht. Zahlreiche Krebsarten gelten inzwischen als therapierbar und die Anzahl von zugelassenen Krebsmedikamenten nimmt stetig zu. Weiterhin gilt: Entscheidend für einen Behandlungserfolg ist die Früherkennung. Die aktuelle Ausgabe von Fokus Medizin beschäftigt sich mit den neuesten Entwicklungen in der Krebstherapie.

Erfolgreich gegen den Tumor

Hoffnung statt Verzweiflung für viele Patienten: Die Tumortherapie hat große Fortschritte gemacht, und die Diagnose „Krebs“ ist nicht mehr automatisch ein Todesurteil.  Zahlreiche Krebsarten gelten inzwischen als therapierbar. Beispielsweise ist die Zehn-Jahres-Überlebensrate beim Darmkrebs auf über 60 Prozent, bei Brustdrüsenkrebs auf über 80 Prozent und bei Prostatakrebs sogar auf über 90 Prozent gestiegen. Von „geheilt“ spricht die Medizin allerdings nicht, weil Rückfälle zu einem späteren Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden können.

Allerdings nähert sich bei den meisten Krebsarten nach fünf Jahren ohne Wiederauftreten des Tumors die durchschnittliche Lebenserwartung der von Gleich­altrigen an. Entscheidend für den Behandlungserfolg ist die Früherkennung. Moderne Bildgebungstechniken und Analyse­methoden ermöglichen es, einen Krebs überall im Körper aufzuspüren und Veränderungen genau zu verfolgen. Aber auch Patienten, bei denen der Krebs erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird, haben eine deutlich bessere Überlebensrate als noch vor zehn Jahren.

Seit den 1990er-Jahren hat die Medizin eine Fülle neuer und grundlegender Erkenntnisse gewonnen. Die wichtigste: Krebs ist nicht gleich Krebs. Selbst Tumore ein und derselben Krebsart weisen oft unterschiedliche genetische und biologische Eigenschaften auf, und diese unterscheiden sich wiederum von Patient zu Patient. Der Königsweg der Behandlung wird deshalb in einer personalisierten Medizin gesehen, die auf die individuelle Ausprägung einer Tumorerkrankung ausgerichtet ist. Die Forschung verfolgt dazu eine Vielzahl von Ansätzen. Noch zwischen 1995 und 2000 sind von der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA sechs neue Krebsmedikamente zugelassen worden. Zwischen 2012 und 2018 waren es bereits zehn neue Zulassungen pro Jahr.

Moderne Therapien bekämpfen Tumore auf unterschiedliche Weise

Diese Dynamik soll sich in den kommenden Jahren fortsetzen, auch wenn Covid-19 zurzeit viele Kräfte bindet. „Die forschenden Pharma-Unternehmen setzen alles daran, um Studien zur Erprobung neuer Medikamente fortzuführen und neue aufzulegen“, so Han Steutel, Präsident des Verbands forschender Pharma-Unternehmen https://www.vfa.de/ . Dessen Mitglieder arbeiten zurzeit an über 200 neuen Therapiemöglichkeiten für Krebspatienten, die bis 2023 einsetzbar sein sollen. Sie richten sich gegen insgesamt 44 verschiedene Krebsarten, die meisten davon gegen den nicht-kleinzelligen Lungenkrebs, gefolgt von Brustkrebs, Prostatakrebs, dem Blutkrebs AML und Knochenmarkkrebs.

Auch Therapien gegen seltene Krebsarten stehen auf der Agenda, etwa gegen das in Armen oder Beinen auftretende Synovialsarkom oder gegen Morbus Waldenström, der die Lymphknoten befällt.  „Unsere Unternehmen erproben ihre Medikamente jeweils gegen bis zu zwölf Krebsarten gleich­zeitig, und dabei ausdrücklich auch mit Patienten, die an seltenen Krebsarten leiden“, so Steutel. Neue Chemotherapeutika werden hingegen nicht mehr entwickelt.

Allerdings kommt diese „herkömmliche“ Behandlungsart neben der Bestrahlung in vielen Fällen zur Unterstützung medikamentöser Behandlungen zum Tragen. Moderne Therapien bekämpfen Tumoren auf unterschiedliche Weise. Eine Strategie ist es, die Vermehrung der Tumorzellen zu blockieren. Das Medikament zielt auf die Kinasen – eine Gruppe von Enzymen, die dafür verantwortlich sind, dass bösartige Zellen ungebremst wachsen. Eine weitere Medikamentengruppe soll Krebszellen vernichten, indem sie ihre DNA-Reparatur unterbindet. Andere greifen Tumorzellen mit Antikörpern an, die Giftstoffe mitbringen, gesunde Zellen aber weitgehend verschonen.

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Foto: Adobe Stock/karrastock

Fokus Medizin: Was ist der „Abwehr-Trick“?

Antikörper bestimmen seit einiger Zeit die Medizinkongresse. Das sind Eiweißmoleküle, die bestimmte Merkmale auf Krankheitserregern erkennen können. Im Körper werden sie von weißen Blutkörperchen gebildet. Für die Diagnostik und Therapie erfolgt ihre Herstellung überwiegend künstlich im Labor – gezielt auf die Identifizierung bestimmter Merkmale hin. In Verbindung mit Farbstoffen, fluoreszierenden oder radioaktiven Stoffen machen sie die Zellstrukturen, auf die sie angesetzt werden, und damit den Krebs sichtbar.

Daraus lassen sich Behandlungsstrategien ableiten. In der Therapie können sie Signalwege blockieren, die das Krebswachstum fördern oder das körpereigene Immunsystem in die Lage versetzen, den Krebs aus eigener Kraft zu bekämpfen. Bei den meisten Angreifern, etwa Grippeviren, geht das gut und zuverlässig. Tumore senden allerdings Signale aus, die eine Immunreaktion unterbinden. Dieser „Abwehr-Trick“ kann aber durch moderne Medikamente, sogenannte „Checkpoint-Inhibitoren“, unterbunden werden.

Die Grundlage dafür legten ein US-amerikanischer und ein japanischer Immunologe bereits vor rund 30 Jahren. Das klingt wie eine Ewigkeit, ist in der Onkologie aber eine relativ überschaubare Zeitspanne. Es dauert lange, bis ein Medikament zur Marktreife gelangt. Ein auf diesem Wirkprinzip basierendes Medikament wurde erstmals 2011 für die Behandlung des fortgeschrittenen malignen Melanoms zugelassen. Laut einer vom Cancer Research Laboratory weltweit erhobenen Statistik sind ein Jahrzehnt später rund 20 Prozent der damit behandelten Patienten noch am Leben. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe an zugelassenen Checkpoint-Inhibitoren, die unter anderem bei Prostata-, Eierstock- und Nierenkrebs eingesetzt werden.

Fokus Medizin: Krebsmedikamente gezielter für Kinder testen

Bei aller verständlichen Hoffnung muss immer wieder betont werden, dass eine Immuntherapie wirkt – wenn sie wirkt. Durchschnittlich 20 Prozent der Patienten sprechen darauf an. Es kann also nicht genau vorhergesagt werden, wem eine Immuntherapie nützt und wem nicht. „Woran das liegt und wie man hier Abhilfe schaffen kann, gehört zu den dringendsten Fragen der Krebsforschung“, so Professor Dr. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) https://www.dkfz.de/de/index.html .

Es sollen möglichst viele Patienten vom Fortschritt profitieren. Bei Kindern ist das am wenigsten der Fall. In der Altersgruppe unter 15 Jahren ist Krebs besonders bösartig. Die Tumorzellen vervielfachen sich rasend schnell. Allerdings sind viele neue Krebsmedikamente für Kinder nicht zugelassen. Es gibt nicht genug molekular­genetische Analysen, die Grundlage für die Individualisierung von Therapien sind. Durch einen bundesweiten Datenaustausch über eine Online-Plattform werden seit einem Jahr laut Stefan Pfister, Abteilungsleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum und Oberarzt am Universitäts­klinikum Heidelberg, entsprechende Erkenntnisse ausgetauscht. Pharmaunternehmen und Ärzte sollen motiviert werden, Krebsmedikamente gezielter für Kinder zu testen.

„Wir machen in der Krebstherapie unterschiedlich große Fortschritte in unterschiedlichen Bereichen. Aber wir erleben auch, dass Krebs gewissermaßen Escape-Mechanismen entwickelt und so Therapien umgeht, die wir gerade erst entwickelt haben. Es bleibt ein ständiger – wahrscheinlich niemals endender Kampf“, sagt Martin Börner, Chefarzt am städtischen Klinikum Bielefeld.

Von Manfred Godek

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