Mit unserem Gesundheitsjournal Fokus Medizin bilden wir alle wichtigen Gesundheitsbereiche von A wie Allgemeinmedizin bis Z wie Zahnheilkunde ab. Unsere Frühjahrsausgabe ist heute in der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten beigelegt. Das Titelthema: Übergewicht und die schweren Folgeerkrankungen. Von Brigitte Bonder

Fokus Medizin

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Übergewicht ist eines der drängendsten Gesundheitsprobleme in Deutschland geworden. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts sind zwei Drittel der Männer sowie die Hälfte der Frauen übergewichtig, fast jeder Vierte gilt als adipös. Unsere Fokus-Medizin-Autorin weiß: Auch immer mehr Kinder sind betroffen. In vielen Fällen liegt die Ursache in einem ungesunden Lebensstil, der von zu wenig Bewegung und zu hoher Kalorienzufuhr geprägt ist. Langfristig drohen schwere Folgeerkrankungen.

Eine Einschätzung des eigenen Körpergewichts ermöglicht der sogenannte Body-Mass-Index – kurz BMI. Er basiert auf einer Einteilung der Weltgesundheitsorganisation und ist der Quotient aus Körpergewicht in Kilogramm und Körpergröße zum Quadrat (kg/ m²). „Eine Person gilt als übergewichtig, wenn der BMI zwischen 25 bis 30 liegt“, erklärt Prof. Dr. Diana Rubin, Leiterin des Zen­trums für Ernährungsmedizin am Vivantes Klinikum Spandau und Expertin der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V. (DGEM) https://www.dgem.de/. „Bei höheren Werten sprechen wir von Adipositas beziehungsweise Fettleibigkeit.“

Hier gibt es wiederum drei Stufen. Adipositas Grad I liegt bei einem BMI zwischen 30 und 35 vor, Grad II bei einem BMI bis 40 und alles darüber gilt als Adipositas Grad III. Ein Rechenbeispiel: Bei einer Körpergröße von 1,75 m und einem Gewicht von 65 Kilogramm liegt der BMI bei 21,2 und damit im Bereich des Normalgewichts. Der BMI bietet eine grobe Einschätzung und ermöglicht noch keine Aussagen über die Verteilung des Körperfetts. Diese spielt jedoch eine wichtige Rolle hinsichtlich der Risiken für Begleit- und Folgeerkrankungen. „Umgangssprachlich wird zwischen dem Apfel- und dem Birnentyp unterschieden“, betont Prof. Rubin. „Die Fettpolster befinden sich entweder rund um den Bauch oder um Hüfte und Oberschenkel.“ Während Männer verstärkt zu Bauchfett neigen, nehmen Frauen eher nach dem Birnenprinzip zu.

Fokus Medizin: Fett ist nicht gleich Fett

Doch Fett ist nicht gleich Fett. Das sogenannte subkutane Fettgewebe, das direkt unter der Haut sitzt und beispielsweise an Hüfte, Po oder Oberschenkeln sichtbar ist, dient vorwiegend als Energiespeicher oder Wärmeisolator. Bei einem sichtbaren Bauch hingegen überwiegt das Viszeralfett, das die Organe umgibt. „Das viszerale Fett ist metabolisch ungünstiger als das Unterhautfettgewebe“, erklärt Rubin. „Das bedeutet, dass das Bauchfett sehr stoffwechselaktiv ist und schneller in die Blutbahn abgegeben wird.“ Stark vermehrtes Bauchfett birgt daher ein hohes Risiko für Folgeerkrankungen wie etwa Fettstoffwechsel­störungen, Diabetes, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Da Fett am Bauch besonders gefährlich ist, prüfen Ärzte neben dem BMI auch den Taillenumfang. Experten empfehlen, bei Personen mit einem BMI größer 25 stets den entsprechenden Wert zu ermitteln. Laut der Weltgesundheitsorganisation liegt eine abdominale, also bauchbetonte Adipositas bei Frauen ab einem Taillenumfang von 88 cm, bei Männern ab 102 cm vor. Diese Werte spielen auch bei der Diagnose des Metabolischen Syndroms eine Rolle. Hierbei handelt es sich um eine Kombination aus mehreren Symp­tomen, die zur Entstehung von gefährlichen Folgekrankheiten beitragen können.

Zu den Risikofaktoren zählen neben dem Bauchfett auch erhöhte Blutzucker- und Blutfettwerte sowie Bluthochdruck. Da alle Merkmale mit Überernährung verbunden sind, gilt das Metabolische Syndrom als „Wohlstandskrankheit“.Wer nichts gegen das Übergewicht unternimmt, riskiert gefährliche Folgekrankheiten. In vielen Fällen treten zunächst Veränderungen an den Blutgefäßen auf, die zu Arteriosklerose, also Arterienverkalkung, führen. Die Folge sind Durchblutungsstörungen und Schäden an lebenswichtigen Organen, die Schlaganfälle oder Herzinfarkte verursachen können.

Probleme bleiben lange unerkannt

„Das große Problem liegt darin, dass Menschen mit Übergewicht die Folgeerkrankungen in vielen Fällen zunächst nicht spüren“, warnt Rubin. „Ein erhöhter Blutdruck beispielsweise macht sich häufig erst bemerkbar, wenn er bei über 200 mmHg systolisch und damit viel zu hoch ist.“ Auch eine Fettstoffwechselstörung verursacht keine Schmerzen. „Viele Menschen mittleren Alters nehmen an Gewicht zu, treiben weniger Sport und gehen selten zum Arzt“, erklärt die Expertin. „Die Probleme bleiben daher lange unerkannt und können schwerwiegende Folgen haben.“

Übergewicht gilt als eine der Hauptursachen für die Entstehung von Diabetes, Bluthochdruck und Gelenkerkrankungen. Die Gefährdung resultiert aus Störungen des Stoffwechsels sowie dem hohen Gewicht, das sowohl tragende Gelenke als auch Herz und Lunge stark beansprucht. Studien haben zudem gezeigt, dass Übergewicht und geringe körperliche Aktivität Risikofaktoren für viele Krebserkrankungen sind. Bestimmte Tumorarten wie beispielsweise Brustkrebs nach den Wechseljahren, Eierstock- oder Gebärmutterhalskrebs, aber auch Dickdarm- und Prostatakrebs treten bei über­gewichtigen Menschen verstärkt auf.

„Zu viel Essen, zu wenig Bewegung und daraus resultierendes Übergewicht haben einen größeren Einfluss auf die Entstehung und das Voranschreiten von Tumorerkrankungen als Nikotinkonsum“, erklärt Professor Dr. med. Hartmut Bertz, Oberarzt der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Freiburg und Sektionsleiter Ernährungsmedizin und Diätetik. „Gewichtszunahme könnte Rauchen als Hauptrisikofaktor für Krebs bald ablösen“, gibt Bertz zu bedenken. So ist die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, für stark übergewichtige Frauen mit einem Body-Mass-Index von über 35 um ungefähr 90 Prozent erhöht.

Stress-Essen: Zusammenhang zwischen Psyche und Adipositas

Übergewicht steigert zudem das Risiko für Rezidive, also für das erneute Auftreten von Tumoren. Regelmäßige körperliche Aktivität reduziert dagegen die Gefahr, Krebs zu bekommen, oder dass ein Tumor wiedererscheint. Experten empfehlen fünf bis sieben Stunden moderat anstrengende körperliche Tätigkeit pro Woche, zum Beispiel Fahrradfahren oder zügiges Spazierengehen. „Dass Übergewicht und Bewegungsmangel schlecht für Herz und Kreislauf sind, ist allgemein bekannt“, so Bertz. „Wir wollen die bekannten negativen Auswirkungen auf Tumorerkrankungen aber noch stärker in das Bewusstsein von Ärzten und Bevölkerung bringen“, betont der Experte für Ernährung in der Onkologie.

Bei der Entstehung von Über­gewicht und Adipositas spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Dazu zählen neben dem persön­lichen Lebensstil auch die genetische Veranlagung und psychische Ursachen. „Aus Zwillingsstudien weiß man, dass die Vererbbarkeit bei etwa 50 Prozent liegt“, erklärt Prof. Diana Rubin. So gibt es beispielsweise Gene, die Hunger und Sättigung regulieren, andere wiederum entscheiden, ob der Mensch ein guter Nahrungsverwerter ist. Ein Zusammenhang besteht auch zwischen Psyche und Adipositas. Weitverbreitet ist beispielsweise das Stress-Essen. Die starke Zunahme übergewichtiger Menschen mit steigendem Wohlstand jedoch zeigt die große Bedeutung des Lebensstils auf. „Wer dauerhaft mehr isst, als der Körper verbraucht, nimmt zwangsläufig zu. Kritisch ist in vielen Fällen auch die mangelnde Bewegung“, betont Rubin.

Übergewichtige leiden unter einer beeinträchtigten Lebensqualität, dazu kommt das Risiko für Folgeerkrankungen. Neben der Gewichtsreduktion ist daher insbesondere für Übergewichtige ein regelmäßiger Check beim Arzt wichtig. Hier werden unter anderem Blutdruck und Blutwerte geprüft, die frühzeitige Hinweise auf Begleiterkrankungen geben können.