#gemeinsamstark – eine Sonderveröffentlichung der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, die Mut macht. Lesen Sie heute: wie die Corona-Krise den Digitalisierungsprozess bei Immobilienmaklern beschleunigt hat. Von Ingo Dalcolmo

#gemeinsamstark

Eine Immobilienmesse wie die der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten vergangenen November ist in Zeiten von Corona undenkbar. Immobilienmakler müssen jetzt kreativ sein und die Digitalisierung für virtuelle Besichtigungen nutzen. Foto: Mierendorf

Lokaltermin mit einem Makler. Ein Einfamilienhaus in Riedenberg. Vor dem Haus eine riesige Tanne, die ihre Zweige auf den Gehweg auslädt. Dahinter, etwas versteckt, der unscheinbare, mit Glas überdachte Hauseingang. Im Inneren wartet die typische Architektur der 60er Jahre: ein enges Treppenhaus, über das der Rest der Wohnungen erschlossen wird. Hm, . . . Hier müsste wohl erst die eine oder andere Wand durchbrochen werden, schießt dem potenziellen Kunden durch den Kopf. Dann würde sich auch die große Terrasse mit dem Garten offenbaren. Plötzlich ist alles dunkel. Mist. Der Akku ist leer. Für die Sonderveröffentlichung #gemeinsamstark haben wir uns in der Immobilienbranche umgehört.

Seit Corona sind die Haus- und Wohnungsbesichtigungen der Makler nahezu auf Null zurückgegangen, stellt Professor Dr. Stephan Kippes vom Verband der Immobilienberater, Makler, Verwalter und Sachverständigen, IVD unlängst fest. Wolfgang Link hat deshalb wie viele seiner Kollegen aus Stuttgart auf virtuelle Besichtigungen umgestellt. Dabei wird das Objekt einmal komplett mit einer 360-Grad-Kamera von einem Mitarbeiter aufgenommen. Anschließend können sich Interessierte auf der Internetseite des jeweiligen Maklers die Objekte in aller Ruhe ansehen.

„Die Erfahrung der letzten Wochen zeigt, dass dieses Feature gerne von Kaufinteressenten und Mietern angenommen wird.“ Natürlich können diese virtuellen Rundgänge keine echte Besichtigung ersetzen. Es helfe dabei, einen ersten Eindruck von einem Objekt zu bekommen. Aus Sicht von Georg Charlier, Niederlassungsleiter von Jones Lang LaSalle Stuttgart, JLL ist die aktuelle Lage ein Katalysator für die Digitalisierung der Branche. Viele Unternehmen erkennen die Notwendigkeit, technisch aufzurüsten. Charlier ist sicher: „Das wird nach Corona keine Übergangsphase sein, sondern in vielen Teilen zum Alltag gehören.“

„Der Markt ist derzeit wie eingefroren, die Branche steht quasi still“

Trotzdem hat die Corona-Krise schon jetzt massive Auswirkungen auf die Branche. „Der Markt ist derzeit wie eingefroren, die Branche steht quasi still“, sagt Wolfgang Link. Trotzdem muss es irgendwie weitergehen, so die Grundstimmung in der Branche. Damit die Kundenerreichbarkeit gewährleistet ist, werden allenthalben die Geschäftsstellen ausgedünnt, das Personal ins Homeoffice geschickt, Kurzarbeit eingeführt oder Provisionen gekürzt.

Auch Makler Markus Lechler aus Stuttgart setzt auf Homeoffice und Schichtdienst. „Wir arbeiten derzeit mit zwei Teams, die sich vormittags und nachmittags abwechseln. Allein in den letzten Wochen konnten so mehrere Kaufverträge notariell abgeschlossen werden. Trotzdem komme es vor, dass Termine verschoben werden. Andererseits sei die Qualität der verbleibenden Nachfragen besonders hoch, so der Makler.  Homeoffice gibt’s auch bei Königskinder Immobilien. „Sofern aktuell Immobilien bewertet werden müssen, setzen wir auf Videotelefonie oder lassen uns Bilder von dem Objekt schicken. Interessenten für unsere Objekte verweisen wir auf unsere virtuellen Gebäude-Rundgänge“, erklärt Geschäftsführer Leon Djolaj den derzeitigen Arbeitsalltag.

Bei den großen Stuttgarter Gewerbemaklern sieht es nicht anders aus. „Wir haben unser Unternehmen komplett auf Remote Working umgestellt“, meldet Georg Charlier. Ein Großteil der Prozesse sei bereits in den vergangenen Jahren bei JLL digitalisiert worden, sodass man jetzt auch digitale Besichtigungen anbieten könne. Für das Unternehmen sehe er aufgrund des hohen digitalen Standards derzeit keine negativen Auswirkungen.

#gemeinsamstark: Immer noch zu wenig Wohnraum

Nicht anders bei Colliers International Stuttgart. Geschäftsführer Frank Leukhardt führt die Geschäfte aus seinem heimischen Arbeitszimmer – „die aktuelle Situation hat auch unsere Branche in der Digitalisierung regelrecht nach vorne katapultiert“.  Auch hier werden die meisten Prozesse mittlerweile über das Internet und digital abgewickelt. „Wir nutzen die Zeit, um uns auf zukünftige Pitches und Kaufprozesse vorzubereiten“, erläutert Leukhardt per Videocall in die Redaktion seinen Arbeitsalltag unter Corona.

Er stellt fest, dass die Situation für die Branche trotz aller digitalen Möglichkeiten derzeit nicht einfach sei. So würden aktuell viele Bürovermietungsprojekte zurückgestellt, während sich im Handelsbereich die Vermieter bereits auf die eine oder andere Insolvenz einstellten. Das thematisiert auch Georg Charlier. Er sieht ein großes Risiko darin, dass sich die Corona-Krise zu einer Liquiditätskrise entwickeln könnte, weil Mieter ihren Mietzahlungen nicht mehr nachkommen, die Banken aber weiterhin auf die Zahlung von Zins und Tilgung bestünden. Sein Fazit: Die Banken sind nicht Teil des Problems, sondern vielmehr Teil der Lösung“.

Aus Sicht der meisten Makler wird die aktuelle Corona-Krise den Immobilienmarkt trotzdem nicht grundlegend verändern. „Wir werden kurzfristig vielleicht ein höheres Angebot an Wohnimmobilien haben, weil sich aktuell der Verkauf durch die Krise etwas verlangsamt hat. An der Tatsache, dass wir immer noch zu wenig Wohnraum haben bei gleichbleibend niedrigen Zinsen, wird wohl selbst Corona nicht wirklich etwas ändern“, glaubt Wolfgang Link.

Die Banken dürften in Zukunft genauer beim Eigenkapital hinschauen

Für Markus Lechler wird es darauf ankommen, wie lange die Krise letztendlich dauert. Sollte es sich hinziehen, würden sich die Wirtschaft und Arbeitslage dramatisch verschlechtern, was sich dann natürlich auch auf den Immobilienmarkt auswirke. Der Stuttgarter Makler sieht in der aktuellen Entwicklung aber auch eine Chance, dass die Übertreibungen am Immobilienmarkt reduziert werden und der Markt wieder zu einem ausgeglichenen Niveau zwischen Angebot und Nachfrage kommt.

Leon Djolaj prognostiziert, dass nach der Krise weniger auf Pump gekauft werde, die Nachfrage zurück gehe und bis Jahresende zumindest bei den Wohnimmobilien die Preise bis um 20 Prozent fallen könnten, sollte sich die Lage bis Mai nicht entspannen. Bei einem Thema sind sich alle einig: Die Banken dürften in Zukunft genauer beim Eigenkapital hinschauen.

Erich Hildenbrandt, seit über 40 Jahren im Geschäft, sieht vor allem bei künftigen Neufinanzierungen von Wohnimmobilien ein Problem. „Die Banken werden ihre Eigenkapitalanforderungen nach oben schrauben.“ Vermietern und Mietern von Handelsimmobilien gibt er den Rat, aufeinander zuzugehen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. So wie der Degerlocher Unternehmer Dieter O. Schmid. Er hat seinen von der vorübergehenden Schließung betroffenen gewerblichen Mietern im Mai die Miete erlassen.

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