Personal in der Pflege ist händeringend gesucht. Das trifft aber auch für andere Bereiche im Gesundheits- und Sozialwesen zu. Über ungewöhnliche Methoden beim Recruiting und Start-ups, die neue Ideen für die Branche zeigen, informiert das Sonderthema „Perspektive Gesundheits-und Sozialwesen“ der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Lesen Sie heute: So wird dem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen entgegengewirkt. Von Jürgen Hoffmann

Gesundheits-und Sozialwesen_

In den Kreiskliniken Reutlingen arbeiten seit einigen Monaten fünf weibliche Pflegekräfte aus den Philippinen. In ihrer Heimat hatten sie schon etwas Deutsch gelernt. Derzeit bereiten sie sich parallel zu ihrem Job auf die Telc-Prüfung B2 (The European Language Certificates) vor. Schaffen die fünf Frauen nach 400 bis 500 Lehrstunden die Sprachprüfung sowie den Anpassungslehrgang, haben sie die Anerkennung als Pflegefachkraft in der Tasche. Damit können sie nach drei Jahren Berufspraxis in jedem Krankenhaus in der EU arbeiten. Das ist keine Seltenheit im Gesundheits-und Sozialwesen.

„Der Aufwand ist hoch, lohnt sich aber“, sagt Rita Pauls, Direktorin Internationale Fachkräftevermittlung beim Weiterbildungsdienstleister Berlitz. Die Pflegerinnen aus dem Westpazifik haben in Deutschland beste Arbeitsmarktchancen, die Kliniken bekommen „junge, hoch motivierte Fachkräfte mit einem ähnlichen Verständnis für Pflege, wie wir es in Deutschland haben“, so Pauls.

Ausländische Fachkräfte helfen, dem Personalmangel im deutschen Gesundheitswesen Herr zu werden. Besonders groß ist das Dilemma in der Pflege und bei Ärzten. Allein 2020 werden bundesweit rund 5000 weitere Ärzte gesucht. Dieser Bedarf lässt sich mit deutschen Medizinern nicht decken. Schon heute kommt jeder Achte der rund 400 000 Ärzte aus dem Ausland. Das gleiche gilt für den Pflegebereich: Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft werden in 2020 in der ambulanten und stationären Pflege insgesamt 376000 Pflegekräfte benötigt.

Kosten für die Sprachausbildung tragen die Kliniken

Berlitz will 2020 rund 500 philippinische und mexikanische Pflegekräfte in ihrem Heimatland und in Deutschland sprachlich auf ihr Leben hierzulande vorbereiten. Im südostasiatischen Land kooperiert der Weiterbildungsdienstleister mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die auch die Kosten trägt, in Mexiko mit der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung.

Die Kosten für die Sprachausbildung tragen die Kliniken. „Manche Unternehmen zahlen ihren angehenden Fachkräften zudem eine monatliche Lebensbegleitung, damit sie sich voll auf ihre Sprachausbildung in ihrem Heimatland konzentrieren können“, erläutert Pauls. Ihr ist es wichtig zu betonen, dass die Rekrutierung von Pflegepersonal durch deutsche Stellen vor Ort kein böses Blut erzeugt. „In beiden Ländern herrscht kein Mangel, sondern ein Überangebot an Fachkräften.“

Wie können Arbeitgeber in der Pflegebranche ihre Attraktivität steigern? Eine Umfrage des Portals meinestadt.de unter rund 2000 Fachkräften im Pflegesektor ergab, dass ein sicherer Arbeitsplatz (57 Prozent) und gutes Arbeitsklima (50 Prozent) die wichtigsten Kriterien sind. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Johannes Roggendorf, Geschäftsführer des Jobmatching- und Karriereberatungsunternehmens Medwing: „Die Arbeitsbedingungen sind den meisten Mitarbeiterin im Gesundheitswesen wichtiger als das Gehalt. Ärgernisse sind beispielsweise chaotische Schichtplanungen und starre Arbeitszeiten. Unternehmen, die hier Flexibilität zeigen, haben auf dem Arbeitsmarkt bessere Karten.“

Mehr Transparenz auf dem Personalmarkt im Gesundheits-und Sozialwesen

Roggendorf weiß das genau, weil Medwing seine rund 120 000 registrierten Kandidaten um Bewertungen ihrer früheren und aktuellen Arbeitgeber bittet. „Das geht bis auf Stationsebene.“ Medwing-Mitarbeiter fragen telefonisch jeden Kandidaten nach seinen Vorstellungen von einem künftigen neuen Arbeitsplatz. War eine „Ehevermittlung“ erfolgreich, erhält Medwing vom Unternehmen ein Honorar.

Derzeit suchen knapp 2300 Einrichtungen über die Plattform Personal. „Wir sorgen für mehr Transparenz auf dem Personalmarkt des Gesundheitswesens“, sagt Roggendorf. Dabei hat er etwas Interessantes festgestellt: „Fast jeder Dritte momentan in der Pflege Teilzeitbeschäftigte würde gerne mehr arbeiten, wenn er entscheiden könnte zu welchen Tages- und Wochenzeiten.“

Für die Hartmann-Studie 2018 wurden ehemalige Pflegekräfte gefragt, was sie bewegen würde, wieder in ihren Beruf zurückzukehren. 42 Prozent nannten „andere Strukturen und Arbeitsbedingungen“. „Vor allem die umfangreichen und zeitraubenden administrativen Aufgaben machen Pflegekräften zu schaffen“, weiß Julius Knoche, Geschäftsführer der Softwarefirma BoS&S, die sich die Digitalisierung in der Pflege auf die Fahne geschrieben hat.

Gesundheits-und Sozialwesen: Arbeitsabläufe vereinfachen

Im Gesundheitswesen gehe es um Programme, die leicht bedienbar sind, Arbeitsabläufe vereinfachen und verkürzen: „Pflegerinnen und Pfleger sind keine IT-Nerds, sondern haben ihren Beruf gewählt, weil sie für die Menschen da sein wollen. Für sie ist Software nur dann eine Hilfe, wenn sie ihnen mehr Zeit für die Patienten verschafft.“

Um Mitarbeitern zu helfen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, bieten die BoS&S-Programme, die in rund 2000 ambulanten und stationären Betrieben im Einsatz sind, Übersetzungsfunktionen sowie einfache und intuitive Benutzeroberflächen.

Am 1. März 2020 tritt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Für Rita Pauls „ein Schritt in die richtige Richtung“, weil geregelt werde, wer nach Deutschland kommen dürfe und welche ausländischen Abschlüsse anerkannt werden: „Auch dass ausländische Fachkräfte künftig sechs Monate Zeit in Deutschland bekommen, um einen Arbeitsplatz zu finden ist ein Fortschritt.“

Weitere Informationen gibt es unter http://presse.berlitz.de/fachkraefte-vermittlung-5kddanqj9