Wer in Stuttgart heiß auf Eis ist, landet womöglich irgendwann in einer Filiale des Eiscafés Santin, um sich ein Eis im Becher oder in der Waffel to go zu gönnen. Stuttgarts Eiskönig heißt Gianpietro Marion. Er ist Chef des Santin und leitet mit seinem Sohn Michael die Geschäfte. Von Christian Günther

Die Marions sind ein waschechter italienischer Familienbetrieb, in dem alle, wirklich alle mithelfen. Flaggschiff ist das Eiscafé Venedig, der Glasbau in der oberen Königstraße. Im Jahr 1980 ist der damals blutjunge Gianpietro nach Stuttgart gekommen mit dem klaren Ziel, echtes italienisches Eis bester Qualität an den Mann und die Frau zu bringen.

Die Familie Marion stammt aus Conegliano in der Provinz Treviso, nördlich von Venedig. Mütterlicher- und väterlicherseits ist Gianpietro Marion „vorbelastet“. Noch heute produziert sein Onkel besten Prosecco – der nicht nur im Eiscafé Santin selbst, sondern auch bei Feinkost Böhm ausgeschenkt und verkauft wird. 1983 übernahm Gianpietro von der Familie Santin die Firma und die Lokalitäten, 1985 eröffnete er seine Eiscafés neu in Stuttgart. Santin verkaufte schon seit den 20er Jahren italienisches Eis in der Landeshauptstadt.

Mit der Zeit kamen immer mehr Standorte in Stuttgart hinzu. Heute führt Gianpietro Marion, gemeinsam mit seiner zweiten Frau Dita und seinem Sohn Michael, das Eiscafé La Torre in Esslingen, das Gloria auf der Königstraße 66, den Glas-Pavillon La Luna am Marienplatz und die drei Standorte des Eiscafé Santin – zwei auf der Königstraße sowie einen in der Büchsenstraße. Sein Sohn Michael werde die Firma eines Tages übernehmen, hofft der 63-Jährige. Die Marions wohnen mitten in der Stuttgarter Innenstadt. „Täglich laufe ich mehr als zehn Kilometer die Königstraße hoch und runter, um meine Filialen zu besuchen. Ich kenne die Königstraße wie kaum ein anderer.“

Das Wetter bestimmt die Produktionsmenge

Die Eismanufaktur der Eiscafés befindet sich in der Ludwigstraße 100 im Stuttgarter Westen. Vor der Pandemie beschäftigte Marion dort drei Eiskonditoren, mit der Pandemie sind jetzt noch zwei übrig geblieben, die täglich zwischen 600 und 800 Kilogramm Eiscreme herstellen, insgesamt zwischen 26 und 30 Sorten. Das meiste Eis – 100 bis 300 Kilogramm täglich – wird an das Eiscafé Venedig geliefert.

Das Wetter bestimmt die Produktionsmenge: „Früher habe ich täglich die Stuttgarter Zeitung gelesen und nach der Wettervorhersage geschaut, heute schaue ich auf der Wetter-App, wie das Wetter wird.“ Marion und sein Team – „Ich bin der Trainer, der Eiskonditor mein Masseur, die Servicekräfte die Mannschaft“ – planen immer drei Tage im Voraus. „Jeden Tag um 7.30 Uhr telefonieren wir und beraten uns. Tagsüber wird produziert, abends liefern wir das Eis in unsere Filialen aus. Ist Not am Mann, fahre ich ins Eislabor und liefere selbst aus. Ich arbeite jeden Tag von 7.30 bis 20 Uhr. Aber wenn Italien Fußball spielt, nehm’ ich mir natürlich die Zeit und schau’ mir das auch tagsüber an“, sagt er lachend.

„Bei uns befinden sich zehn Prozent Luft in der Creme, in der Industrie sind es 40 Prozent. Unser Ziel ist immer, das Eis so frisch wie möglich zu produzieren“, erläutert Marion. Qualität vor Quantität, Zutaten wie Vanilleschoten aus Madagaskar, Kokos aus Sri Lanka, Zitronen aus Sizilien („Zwei Paletten mit 300 Liter Saft, frisch gepresst aus Sizilien, reichen uns für zwei bis drei Wochen“), Pistazien aus Bronte, Passionsfrüchte aus Südfrankreich, Chiquita-Bananen fürs Bananeneis – das ist nur ein Teil der Zutatenliste.

Gianpietro Marion: „Zartbitter ist der Renner“

Eine Kugel Eis wiegt ungefähr 80 Gramm und kostet bei Santin 1,60 Euro. „Am Wochenende haben wir oft Gäste, die von überall herkommen. Da versteht der Tourist aus Freudenstadt oft nicht, warum bei uns das Eis 1,60 Euro und bei ihm im Schwarzwald nur 1,20 Euro kostet. Ich kontere dann damit, dass die Mieten in der Königstraße auch nicht ohne sind und unsere Zutaten eben auch mal teuer und exklusiv sind.“

In Deutschland ist und bleibt die Sorte Vanille der absolute Renner – in Italien ist es übrigens Schokolade. Dann folgt über­raschenderweise Stracciatella, gefolgt von Schokolade. „Der absolute Renner im Santin ist seit vielen Jahren ,Zartbitter‘“, sagt er. „Erst dann folgen Klassiker wie Erdbeere und Zitrone.“ Über die Hälfte aller nachgefragten Eisbecher sind übrigens Spaghettieis-Varianten. Und zwar nicht nur der Klassiker Vanille mit Erdbeersoße – auf der Karte entdeckt man weitere Leckereien wie Spaghetti Carbonara (Vanilleeis, Haselnüsse, Sahne und Eierlikör), Amarena (Vanilleeis mit Amarenakirschen und Sahne oder Spaghetti Bolognese mit Krokant und Erdbeersoße.

Modeeis wie Schlumpfeis oder Experimente mit Zutaten wie Knoblauch kommen für Marion nicht infrage, da ist er Tra­ditionalist. Das Santin-Eis werde nach traditionellen Familienrezepten hergestellt. Denn: „Unser Eis ist wie der Apfelkuchen der Oma, die Rezeptur wird nicht verändert.“ Übrigens kennen sich die Eismacher in Stuttgart alle untereinander, weil sie in der Organisation Uniteis e. V. organisiert sind. Einmal im Jahr trifft man sich im November zur Eismesse in Longarone in Italien.

Söhne stehen in den Startlöchern

Die Pandemie hat, wie viele andere Bereiche auch, Marion schwer getroffen. Von 50 Mitarbeitern musste er 20 entlassen, mit den verbliebenen plant er bis zum Ende der Eissaison. Mit ihnen versucht er, bis Ende des Jahres gut über die Runden zu kommen. Einige seiner Servicekräfte sind im Krankenhaus untergekommen, ein Fahrer sei jetzt Mechaniker, zwei Mitarbeiter arbeiteten auf dem Bau. Wie viele andere Geschäftsleute hofft er auf eine baldige Normalisierung und ein Ende der Pandemie und auf ein Anknüpfen des Geschäftserfolgs aus dem Jahr 2019.

Ans Aufhören denkt Stuttgarts Eiskönig Gianpietro Marion mit seinen 63 Jahren (noch) nicht. Seine Söhne stehen in den Startlöchern, das Eisimperium zu übernehmen, und solange das noch nicht in trockenen Tüchern ist, wird Marion mit Rat und Tat weiter Eis machen. Irgendwann dann, ganz viel später, träumt er davon, mit seiner Frau wieder zurück nach Italien zu gehen. Bis dahin müssen die Italienurlaube – zum Beispiel mit einem Espresso oder einem guten Eis in Florenz auf dem Platz vor dem Dom – genügen.

https://eiscafe-santin.de/

Gianpietro Marion

Foto: Christian Günther