Tracking-Systeme, Virtual-Reality-Brille und Social Media: Die Digitalisierung verändert auch die Arbeit im Handwerk. Das Handwerk 2.0 ist der neue Standard. Von Brigitte Bonder

Handwerk 2.0

Foto: argum/Falk Heller

Die Digitalisierung ist im Handwerk längst angekommen. Dachdecker lassen Drohnen fliegen, Räume werden per Laser vermessen, Orthesen kommen aus dem 3-D-Drucker. „Viele Unternehmer sehen darin keine Bedrohung, sondern vielmehr eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit und Chance“, bestätigt Thomas Gebhardt, Beauftragter für Innovation und Technologie bei der Handwerkskammer Region Stuttgart, den Trend. Das Handwerk 2.0 ist der neue Standard.

So kann mit einer Virtual-Reality-Brille die neue Küche bereits im Planungsstadium begangen werden. Konditoren besprühen Torten mit Lebensmittelfarben aus dem Drucker. „Die Technik kommt der Tatsache entgegen, dass der moderne Kunde selbst digital unterwegs ist. Er plant mit, steuert mit und will aktiv in das Projekt eingebunden sein. So kann die Wertschöpfung schnell und direkt erfolgen“, betont Gebhardt. „Im Störungsfall reichen ein paar Digitalfotos von der Heizung oder dem Fensterbeschlag und der Monteur weiß, was ihn erwartet, und kann das Ersatzteil bereithalten.“

Beim Stuttgarter Familienunternehmen Gröber spielt die Digitalisierung eine große Rolle bei der Akquisition von Kunden und der Optimierung von Arbeitsabläufen. So sind alle Mitarbeiter per Tablet digital an die Zentrale angebunden und können unterwegs ihre Arbeitszeiten übermitteln. „Besonders wichtig ist auch die Dokumentation der geleisteten Arbeit in Bild und Text oder per Sprachnotiz“, betont Geschäftsführer Hermann Blattner. „Formulare werden heute ebenfalls digital ausgefüllt und auto­matisch ins Büro gesandt.“

„Es gibt keine fertige Lösung zur Digitalisierung eines Handwerksbetriebs“

Eine große Herausforderung seien die Einrichtung eines Gesamtsystems und die Entwicklung passender Schnittstellen gewesen. „Es gibt keine fertige Lösung zur Digitalisierung eines Handwerksbetriebs“, betont Blattner. „Wir haben vielmehr aus einer Vielzahl an Technologien unsere eigene Anwendung entwickelt.“ Daran war auch Manuel Gläser beteiligt, der für alle Projekte und Prozesse rund um die Digitalisierung des Unternehmens eingestellt wurde.

Er kümmert sich um die Social-Media-Auftritte auf Facebook und Instagram sowie um den Blog der Firma Gröber. „Ein Handwerks­betrieb muss heutzutage seine Kompetenz im Internet darstellen“, erklärt Hermann Blattner. „Selbst Stammkunden wollen immer wieder überzeugt werden. Ohne digitale Sichtbarkeit geht es daher nicht.“ Laut einer Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks setzt aktuell jeder zweite Handwerksbetrieb digitale Technologien und Anwendungen ein.

Am wei­testen verbreitet ist Cloud-Computing, das 27 Prozent der Betriebe nutzen. Jeder achte Handwerksbetrieb verwendet smarte Software, die zum Beispiel Arbeitszeiten automatisch nach Projektstatus einteilt. Zwölf Prozent nutzen Tracking-Systeme, mit denen sich Maschinen oder Betriebsmittel nachverfolgen lassen.

Handwerk 2.0: Digitalisierung verändert auch Anforderungen und Wünsche der Kunden

Vorausschauende Wartung, bei der mit Sensoren und Datenanalyse drohende Ausfälle von Anlagen frühzeitig erkannt werden, hat jeder zehnte Betrieb im Einsatz. 3-D-Technologien, Drohnen und Roboter liegen hingegen noch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau.  Bei der Kommunikation hingegen sind die meisten bereits digital und besitzen eine eigene Homepage.

84 Prozent haben sich in Online-Verzeichnisse eingetragen und 30 Prozent sind in sozialen Netzwerken aktiv. Wobei dies vor allem für größere Unternehmen gilt. Das Engagement ist notwendig. Denn die Digitalisierung verändert nicht nur das Handwerk, sondern auch die Anforderungen und Wünsche der Kunden, die mit ihrem Smartphone immer und überall online sind. Darauf müssen sich die Betriebe einstellen, indem sie auf allen relevanten Kanälen erreichbar sind.

Weitere Infos unter https://www.hwk-stuttgart.de/