Ob Insulin, Cortisol oder Östrogene: eine Vielzahl an Hormonen sind für den Körper lebensnotwendig. Sie übermitteln Informationen und regulieren zahlreiche Vorgänge wie Stoffwechsel, Ernährung, Atmung, Blutdruck, Salz- und Wasserhaushalt, Sexualfunktionen und Schwangerschaft. Die aktuelle Ausgabe von „Fokus Medizin“ beschäftigt sich mit diesen chemischen Botenstoffen.

Sie regulieren die Körpertemperatur oder den Wasserhaushalt und beeinflussen das Verhalten – Hormone, Titelthema der aktuellen Fokus Medizin-Ausgabe, sind die Botenstoffe des Körpers. Bereits in kleinen Mengen können sie eine außerordentliche Wirkung entfalten. So hat das Hormon Insulin einen wesentlichen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel, das Wachstumshormon ist für die Größenentwicklung verantwortlich und Sexualhormone haben große Bedeutung für die Fortpflanzung.

„Hormone übermitteln wichtige Signale oder Nachrichten im Körper an die dafür vorgesehenen Empfängerzellen“, erklärt Prof. Dr. Matthias M. Weber, Leiter des Schwerpunktes Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und Mediensprecher im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. „Sie werden von speziellen Zellen produziert und endokrin – also in die Blutbahn – abgegeben.“

Über diesen Weg gelangen sie zum eigentlichen Bestimmungsort. Damit Hormone wirken können, docken sie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an die passende Zelle an und lösen eine Kette an Reaktionen aus.

Sogenannter Hypothalamus steuert die Ausschüttung der Hormone

Die Botenstoffe werden an unterschiedlichen Stellen im Körper produziert. „Zum einen gibt es spezialisierte Hormondrüsen, wie die Schilddrüse, die Zirbeldrüse oder die Hirnanhangsdrüse“, betont Prof. Weber. „Doch auch in der Nebenniere, in speziellen Inselzellen der Bauchspeicheldrüse und in den Geschlechtsdrüsen werden Hormone gebildet.“ So entsteht Adrenalin in der Nebenniere, Insulin wird in der Bauchspeicheldrüse gebildet und die weiblichen und männlichen Geschlechtshormone entstehen in den Eierstöcken und den Hoden.

Als zentrales Steuerelement fungiert ein Teil des Gehirns. Der sogenannte Hypothalamus steuert die Ausschüttung der Hormone der Hirnanhangsdrüse, die wiederum die verschiedenen Drüsen zur Produktion von Botenstoffen anregen.  Einige Hormone werden regelmäßig nach einem bestimmten Rhythmus gebildet, wie das Stresshormon Cortisol. Die Konzentration ist morgens am höchsten, um den Körper für den Tag zu aktivieren.

Das schlaffördernde Melatonin hingegen reguliert den Tag-Nacht-Rhythmus, die Konzentration steigt am Abend automatisch an. Regelmäßig zu Beginn des Monatszyklus bilden die Eierstöcke der Frau in großen Mengen das Geschlechtshormon Östrogen. Neben körpereigenen Signalen können auch Einflüsse von außen wie Stress oder körperliche Anstrengung die Produktion von Hormonen auslösen.

Fokus Medizin: „Wichtig für die Regulation des Blutzuckerspiegels ist das Hormon Insulin“

Hormone haben vielfältige Aufgaben im menschlichen Körper. „Sie lassen sich grob in anabole und katabole Hormone einteilen“, erklärt Prof. Weber. „Anabole Botenstoffe wirken aufbauend. Dazu zählen beispielsweise das Wachstumshormon oder Sexualhormone.“ Abbauende, also katabol wirkende Hormone unterstützen bei akuten „Bedrohungen“. Ein Beispiel: Cortisol versetzt den Körper bei Gefahr blitzschnell in Alarmbereitschaft. Durch die Ausschüttung des Stresshormons werden Energiereserven freigesetzt, die Muskeln gespannt und der Blutdruck kurzfristig erhöht. Das bereitet den Mensch auf notwendige, schnelle Reaktionen vor.

Alle Botenstoffe sind in einer bestimmten Form an der Regelung des Stoffwechsels beteiligt. „Wichtig für die Regulation des Blutzuckerspiegels ist das Hormon Insulin“, gibt Prof. Matthias M. Weber ein Beispiel. Das Hormon sorgt insbesondere dafür, dass Traubenzucker aus dem Blut in die Zellen transportiert und somit Energie bereitgestellt wird. „Bei Diabetikern ist dieser Vorgang gestört, sie müssen Insulin von außen zuführen.“

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an Hormonen, die verschiedene Körperfunktionen regulieren. So steuert beispielsweise Aldosteron den Flüssigkeitshaushalt und somit den Blutdruck des Körpers, Calcitonin ist der Botenstoff für Kalzium und Phosphat. Schilddrüsenhormone wie Thyroxin und Trijodthyronin sind notwendig für verschiedene Stoffwechselvorgänge und wichtige Partner für andere Hormone wie Insulin oder Adrenalin. Wie die meisten Hormone regulieren sich die Schilddrüsenhormone selbst: Ist ihre Konzentration im Blut zu hoch, erhält das produzierende Organ eine Rückmeldung und schüttet weniger Hormone aus.

 „Glückshormone“ sind Neurotransmitter, die im zentralen Nervensystem wirken

Bei der Fortpflanzung spielen Hormone eine besonders wichtige Rolle. Weibliche Östrogene steuern den Zyklus und die Schwangerschaft. Spezielle Aufgaben übernehmen das Luteinisierende Hormon, das den Eisprung auslöst, und das Follikelstimulierende Hormon, das die Reifung des Eis im Eierstock anregt. Das wichtigste männliche Geschlechtshormon ist Testosteron.

Es ist für das Wachstum mit verantwortlich und sorgt für die Spermienproduktion. Schlechte Laune, Müdigkeit, Unwohlsein – im Alltag schiebt man den Hormonen einen gewissen Einfluss auf unsere Gefühlswelt zu. „Es gibt jedoch nicht den einen Botenstoff, der für eine bestimmte Stimmungslage verantwortlich ist“, erklärt der Endokrinologe. „Vielmehr ist es das Zusammenspiel verschiedener Prozesse im Körper.“ Auch die sogenannten „Glückshormone“, wie Dopamin oder Serotonin sind nicht nur Hormone im eigentlichen Sinn, die vom produzierenden Organ ins Blut abgegeben werden.

Es handelt sich vielmehr auch um sogenannte Neurotransmitter, die im zentralen Nervensystem wirken und Informationen von einer Nervenzelle auf die nächste übertragen. Diabetes, Bluthochdruck oder Osteoporose sind als weit verbreitete „Volkskrankheiten“ vielen Menschen bekannt. Dass sie durch ein Zuviel oder ein Zuwenig von Hormonen oder durch komplexe Störungen der Hormonwirkung hervorgerufen werden können, ist jedoch den wenigsten bewusst. Sind hormonproduzierende Drüsen wie Schilddrüse, Nebenniere oder Eierstöcke erkrankt, führt dieses häufig zu unspezifischen Beschwerden.

Fokus Medizin: Es gibt auch einen Überfluss an Hormonen

„Wenn Patienten unspezifische Symptome haben, wenn sie müde und abgeschlagen sind, stark zu- oder abgenommen haben, Körperbehaarung an ‚unpassenden‘ Stellen auftaucht, sie stark schwitzen, das Herz rast oder Hitzewallungen auftreten, dann kann sich hinter diesen Beschwerden eine Hormonstörung verbergen“, erklärt Professor Weber. „Sie ist aber nicht immer leicht zu diagnostizieren.“ Endokrinologen müssen daher bei den oft sehr rasch schwankenden Hormonspiegeln im Blut häufig auch komplizierte Funktionstests durchführen.

Andere Erkrankungen hingegen verursachen typische Symptome, die von erfahrenen Endokrinologen erkannt werden. Bei der Akromegalie etwa vergrößern sich Hände, Füße, Kinn und innere Organe, weil ein Überschuss an Wachstumshormon vorliegt. Beim Morbus Basedow kommt es in Kombination mit typischen Zeichen einer Schilddrüsenüberfunktion wie Herzrasen oder innerer Unruhe oft zu einer auffälligen Augenveränderung mit Entzündung und Schwellungen. „Eine Besonderheit bei Hormonen liegt darin, dass es nicht nur einen Mangel geben kann, sondern auch einen Überfluss“, warnt Prof. Weber.

Wenn endokrine Zellen oder Hormondrüsen zu viele Botenstoffe produzieren, kann das gefährliche Auswirkungen haben. „Zuviel Insulin kann zur Unterzuckerung führen und ein Übermaß an Wachstumshormon kann Riesenwuchs zur Folge haben.“

Von Brigitte Bonder

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