Erster Klinik-Gipfel im Pressehaus Stuttgart: Die Vertreter der wichtigsten Krankenhäuser in der Region Stuttgart diskutieren über die Situation der Pflege und den anhaltend hohen Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern. Ein Treffen, das Mut macht. Von Reimund Abel

Klinik-Gipfel

Foto: Wilhelm Mierendorf

„Wir sind die Gesund-Macher!“ Der selbstbewusste Ausruf eines der Teilnehmer des Klinik-Gipfels wirkt ansteckend. Warum wird über Pflege und die Fachkräfte in dem Bereich oft negativ berichtet? Weshalb ist es so schwierig, hier qualifiziertes Personal zu finden? Wie stellen sich die politisch Verantwortlichen auf? Die Teilnehmer des ersten Klinik-Gipfels im Pressehaus Stuttgart sind angetreten, hier etwas zu verändern. Experten der wichtigsten Krankenhäuser, Kliniken oder Pflegeeinrichtungen in der Region Stuttgart sind der Einladung von Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten gefolgt.

Dr. Simon Geisler, Leiter Business Development der Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung und Moderator des Treffens, gibt in seinem Eingangsstatement die Richtung vor: „Wir wollen wissen, wo drückt Ihnen der Schuh? Wir wollen gemeinsam an den Fragestellungen arbeiten und nach Lösungswegen suchen.“ Die Wortmeldungen sprudeln danach aus den Teilnehmern heraus.

Rasch wird deutlich, dass vor allem das Thema „Recruiting“ ganz oben auf der Prioritätenliste steht. In der Region Stuttgart herrscht quer durch alle Branchen ein Mangel an Fachkräften – und damit einhergehend fehlt es auch an Nachwuchs. Der Pflegebereich leidet ebenso unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen. Der Markt, so die einhellige Überzeugung, sei regelrecht leer gefegt.

Diskussion über das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PPSG) beim Klinik-Gipfel

Martin Camphausen (Klinikverbund Südwest) vermisst eine durchgängige Strategie. Er beobachte, wie eine Art Hamsterrad-Phänomen entsteht. So kämpfe man immer wieder gegen die in der Öffentlichkeit vorherrschende, negativ geprägte Meinung über die Situation in der Pflege an. Aber es ändert sich leider nichts oder nur wenig. Auch Christian Graziosa vom Zentrum für Psychiatrie Klinikum Schloß Winnenden (ZfP) liegt das Thema „Recruiting“ am Herzen. Er weist darauf hin, dass es nicht nur um die Suche nach geeigneten Auszubildenden, sondern ebenso darum gehen müsse, erfahrenes Personal zu finden.

Sebastian Stief (Sana Klinik in Stuttgart) ist überzeugt, dass ein Wandel hin zu einem besseren Image der Arbeit in der Pflege dringend geboten sei. Er vermisst die Unterstützung der Politik. Vieles, was vom Gesetzgeber geplant oder auf den Weg gebracht werde, komme nicht oder nur in Teilen bei den Mitarbeitern vor Ort an. Ganz aktuell geht es um das PPSG.

Hinter dem Kürzel steckt das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz der großen Koalition. Mit der neuen Richtlinie will die Bundesregierung erste Schritte bei der Behebung des Fachkräftemangels in der Kranken- und Altenpflege einleiten. Kern des Programms sind 13  000 neue Stellen in der Altenpflege. Die meisten Teilnehmer des Klinik-Gipfels sind skeptisch, ob das PPSG mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein ist und nachhaltig Abhilfe schaffen kann.

 Chancen in diesem Berufsfeld hervorheben

Robert Jeske vom Robert-Bosch-Krankenhaus hat die Erfahrung gemacht, dass die Belastung in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe. Das werde aber in der Gesellschaft nur wenig wahrgenommen, ergänzt Hartmut Kistenfeger. Der Pressesprecher des Klinikums Stuttgart kritisiert, dass häufig nur negative Botschaften kursierten. Es gelte vielmehr, die großen Chancen in dem Berufsfeld hervorzuheben. Anja Dietze (Klinikum Esslingen) sagt, eine Tätigkeit als Pflegefachkraft sei von großer Sinnhaftigkeit geprägt, nie langweilig und sehr bereichernd.

Dominic Söhner (Paulinenpflege Winnenden) pflichtet dem bei. „Aber lassen Sie uns auch übers Geld reden“, sagt er und nennt konkret die Bezahlung. Ein Argument liefert postwendend Elke Reinfeld vom Diakonie-Klinikum. Die Ausbildung zur Pflegefachkraft zählt zu den bestbezahlten innerhalb des gesamten Spektrums an Ausbildungsberufen. Klingt das nicht attraktiv?

Welches Fazit ziehen die Teilnehmer nach dem halbtägigen Workshop? „Sehr bereichernd“ nennt Irmgard Glanz (Medius-Kliniken) den Erfahrungsaustausch. Frank Weberheinz (Diakonie-Klinikum Stuttgart) ist überzeugt, dass eine gemeinsame Basis geschaffen worden sei, auf der es sich aufbauen lässt. Robert Jeske (Robert-Bosch-Krankenhaus) lobt die „offene Gesprächs­atmosphäre“. „Raus aus dem Jammertal“, fordern einige Teilnehmer – und keiner widerspricht. Alle sind sich einig, dass der Klinik-Gipfel fortgesetzt werden müsse. Ein Anfang sei gemacht, die eigentliche Arbeit beginne aber erst jetzt.