Virtuelle Konzepte und Technologien halten in die Arbeitswelt Einzug. Das Arbeiten mit der Datenbrille wird vor allem in der Fertigung, der Logistik und der Weiterbildung eingesetzt. Von Leila Haidar

Arbeiten mit der Datenbrille

Foto: Adobe Stock

Wer eine Datenbrille trägt, taucht in die virtuelle Realität ein. Oder er ergänzt seine Umwelt durch virtuelle Elemente. Immer häufiger sind es die virtuelle Realität oder die erweiterte Realität, neudeutsch Virtual und Augmented Reality, in der Mitarbeiter arbeiten und lernen. Bei Festo wird das Arbeiten mit der Datenbrille HoloLens https://www.microsoft.com/de-de/hololens in einem Pilotprojekt erprobt. Die Technologie unterstützt bei typischen, sich wiederholenden Prozessen des Experten für Automatisierungslösungen.

Beispielsweise beim Einlernen von Mitarbeitern an Industrie­maschinen. Anstatt direkt an der Anlage im Werk zu arbeiten, wird in einem Schulungsraum der Montageprozess für Elektromotoren, pneumatische Antriebe oder Zylinder virtuell geübt. Der Arbeiter trägt dabei die Microsoft-Datenbrille, auf die holografische Bilder und Sprachanweisungen projiziert werden. Auf diese Weise kann er nicht nur die Montage üben, sondern auch Produkte kennenlernen und wichtige Verhaltens- und Sicherheitsschulungen erhalten.

Manuel Schmidt arbeitet dort als Lernberater mit den Produktionsmitarbeitern. Sie versorgen die Produktion mit Nachschub oder entnehmen Teile – ohne dass der laufende Betrieb gestört wird. „Das virtuelle Lernsystem amortisiert sich nach kurzer Zeit, denn es lassen sich konkrete Ausfallzeiten für das Anlernen gegenrechnen“, sagt Schmidt. Und ergänzt: „Die Geschwindigkeit kann individuell an die Lerngeschwindigkeit der Mitarbeiter angepasst werden. So können auch Menschen mithalten, die lernschwächer sind und mit dem Tempo der normalen Fertigungsprozesse zunächst überfordert wären.“

Arbeiten mit Datenbrille: Arbeitsplatz wird zum Klassenzimmer

Experten sind sich einig, die Datenbrille wird noch nicht flächendeckend im Mittelstand eingesetzt. „Der Wunsch nach AR-Elementen im täglichen Arbeiten ist aber da“, beobachtet der Vorstand der IMC, Sven R. Becker, dem Anbieter für digitale Trainingslösungen. Dabei gehe es, wie oben beschrieben, zum einen um konkrete Schulungsvorhaben. Zwar nutzen viele Maschinenbauer virtuelle Anlagen, um neue Mitarbeiter anzulernen. „Wir beobachten jedoch, dass viele Spezialfälle gar nicht mehr im Vorfeld geschult werden, weil man sie nur selten braucht“, sagt Becker. Stattdessen setzen kleinere und mittlere Unternehmen häufiger auf Unterstützung während der Arbeit. „Die Datenbrille übernimmt dann die Assistenz und führt den Mitarbeiter durch entsprechende Handgriffe an der Maschine. Das nennen wir „Performance Support“, erläutert der Bildungsexperte.

Mithilfe der Datenbrillen verschmelzen Arbeit und Lernen immer mehr, sodass der Arbeitsplatz zunehmend zum Klassenzimmer wird. Gründe für diesen Trend gibt es zahlreiche: Es werden Schulungskosten gespart, der Mitarbeiter hat mehr Zeit für seine eigent­lichen Aufgaben und das Gehirn tut sich in der Praxis leichter, Gelerntes zu behalten.

Werner Ballhaus, Leiter Technologie, Medien und Telekommunikation bei PwC in Deutschland, hat eine Studie zum Thema durchgeführt: „Als das Thema Virtual Reality vor zwei, drei Jahren aufkam, herrschte zunächst ein großer Hype – dem dann jedoch bald die Ernüchterung folgte, weil sich die Technologie eben nicht so schnell eta­blierte, wie von einigen Protagonisten erhofft.“ Inzwischen, so Ballhaus, hätten sich die Zeichen umgekehrt: „Die Anfangs­euphorie ist vorüber. Dabei mehren sich gerade jetzt die Zeichen, dass Virtual Reality eben doch zu einer Technologie für den Massenmarkt heranwachsen könnte.“ Dem stimmt Becker zu: „Die Technologie wird immer ausgereifter und der Absatz nimmt zu, da der Markt vom Boom der Computer- und Konsolenspiele angetrieben wird.“

„Wir wollen Daten aus der Produktion verstehen, bevor sie entstehen.“

An solcher tüftelt auch die Wissenschaft: Forscher am Institut für Visualisierung an der Uni Stuttgart https://www.vis.uni-stuttgart.de/ proben, wie sich die virtuelle Realität und Datenanalysen kombinieren lassen. Dr. Robert Krüger erklärt den Forschungsansatz: „Wir wollen Daten aus der Produktion verstehen, bevor sie entstehen.“ Ein Projekt zeigt virtuelle Fertigungsprozesse, die im realen Raum abgebildet werden. Daraus wollen die Programmierer und Entwickler der Uni Potenziale ablesen. Anschaulich wird das am Beispiel einer Fertigungsstrecke zur Fahrrad-Produktion. „Wir können in der realen Werkshalle virtuelle Maschinen aufstellen und erleben, wie sich veränderte Prozesse auswirken“, erklärt Krüger. Und das, bevor die Produktionsstraße tatsächlich gebaut und in Betrieb genommen ist.

Virtuelle Konzepte halten auch in Büros Einzug. „Zum Beispiel nutzen Reisebüros Datenbrillen, um ihren Kunden das Hotel zu zeigen, noch bevor sie ins Flugzeug steigen“, erläutert Erik Boos. Der Geschäftsführer von Snapview – eine Plattform, die Kunden für Videoberatung nutzen – glaubt, dass neben Verkaufsgesprächen per Videochat in Zukunft immer häufiger die Datenbrille zur Methode der Wahl wird.

„Die größten Chancen für die neue Technologie sehe ich in der Fernwartung von Maschinen und Anlagen“, sagt Boos. Das Unternehmen Essert in der Nähe von Bruchsal bietet seinen Kunden Augmented Automation Apps, die den Servicetechniker vor Ort per Datenbrille mit dem Support im Betrieb verbinden. Der Support kann im Livebild virtuelle Markierungen an einer Maschine anbringen oder Schaltpläne übermitteln, die sofort auf dem Brillen­display des Technikers eingeblendet werden. So kann eine schnellere Störungsbehebung teure Maschinenausfälle reduzieren.