Viel mehr als ein Verdauungskanal, in dem die aufgenommene Nahrung weiterverarbeitet wird – der Darm ist zum Beispiel die größte Hormondrüse des Körpers. Und die Darmflora wird mittlerweile als eigenes Organ angesehen. Die aktuelle Ausgabe von Fokus Medizin gibt einen faszinierenden Einblick in dieses etwa acht Meter lange Gebilde.

Der Darm: Weitaus mehr als nur ein Verdauungsorgan

Der Darm ist mehr als nur ein Verdauungsorgan. Er hält uns fit, macht gesund und hat großen Einfluss auf das seelische Wohlbefinden. 100 Millionen Bakterien leben in einem einzigen Darm. Viel weniger sollten es nicht sein, denn sie spielen eine Schlüsselrolle für die Gesundheit. Sie unterstützen die Nährstoffaufnahme und die Bildung wichtiger Vitamine. Rund 80 Prozent der Immunzellen liegen in der Darmschleimhaut. Ein intakter Bakterienhaushalt verdrängt Krankheitserreger und verhindert dadurch vor allem infektiöse Magen-Darm-Erkrankungen.

„Intestinales Mikrobiom“ lautet der medizinische Fachausdruck für die Besiedlung mit diesen Organismen. Die üblichere Bezeichnung ist „Darmflora“.  Im Mutterleib ist der Darm eines Embryos noch völlig steril. Erst bei der Geburt werden dem Neugeborenen mütterliche Vaginal- und Fäkalbakterien übertragen, außer es handelt sich um eine Kaiserschnittgeburt.

Weil die Entwicklung der Darmflora ein längerer Prozess ist, haben Babys in den ersten drei Lebensmonaten häufig mit Verdauungsproblemen zu kämpfen. Welche Bakterien sich wie stark entwickeln, hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel davon, wie lange ein Kind gestillt oder mit der Flasche aufgezogen wird. Aber auch der Zufall spielt eine gewichtige Rolle, etwa wenn beim Spielen im Sandkasten durch Körperkontakt Bakterien von Kind zu Kind übertragen werden.

Fokus Medizin: Es gibt drei „Darmtypen“

Bei jedem Menschen bildet sich eine individuelle Darmflora. Allerdings stellt die Disposition der Mutter bereits entscheidende Weichen. Neue Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass das mütterliche Mikrobiom das Übergewichts- oder Diabetes-Risiko im späteren Leben beeinflusst. Auch werden Zusammenhänge mit verschiedenen Autoimmunerkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis und der Multiplen Sklerose für wahrscheinlich gehalten.

Jeder Mensch hat etwa 600 bis über 1000 Bakterienarten in seinem Darm und die medizinische Forschung entdeckt regelmäßig neue. Mittels moderner DNA-Analyse-Techniken ist es gelungen, diese Artenvielfalt zu untersuchen. Es bilden sich immer bestimmte Konstellationen von Bakteriengruppen heraus, wobei jeweils eine davon die dominierende Rolle spielt.

Es gibt drei „Darmtypen“. Typ 1 hat sogenannte „Bacteroides“ als Leitbakterien. Diese haben die Eigenschaft, Kohlenhydrate und Proteine besonders effektiv zu verwerten und die Vitamine B2, B5 und C vermehrt zu produzieren. Bei Darmtyp 2 spielen Bakterien der Gruppe „Prevotella“ die Hauptrolle. Sie sorgen dafür, dass verstärkt die Vitamine Thiamin und Folsäure freigesetzt werden. Der Darmtyp 3 mit „Ruminococcus“-Bakterien kann auch schwer verdauliche Zellulose in Zucker aufspalten. Typ 3 ist der am häufigsten vertretene Darmtyp. Er macht Menschen zu guten „Futterverwertern“.

„Die Darmflora ist als neues Organ zu verstehen“

Zwar lassen sich die Darmtypen nicht so genau voneinander abgrenzen wie etwa Blutgruppen, gleichwohl stellen sie individuelle Merkmale dar, die in einem Ernährungsplan berücksichtigt werden können. Nach welchen Gesetzmäßigkeiten die Konstella­tionen überhaupt entstehen, ist allerdings noch nicht erforscht.
Indem sie massiv in den Stoffwechsel eingreift, beeinflusst die Darmflora nicht nur die körper­liche Gesundheit, sondern auch das Verhalten. Bereits im Jahr 2013 untersuchte eine US-amerikanische Forschergruppe den Zusammenhang zwischen ernährungsgesteuerter Darmtätigkeit und der Psyche.

Weibliche Testpersonen wurden über mehrere Wochen mit einem probiotischen Joghurt ernährt, dessen enthal­tene Milchsäurebakterien sich positiv auf die Darmflora aus­wirken. Anschließend reagierten bestimmte Hirnregionen weniger stark auf negative Reize als bei einer Vergleichsgruppe, die normalen Joghurt gegessen hatte. „Die Darmflora ist als neues Organ zu verstehen. Noch vor zehn Jahren hätte das niemand gedacht“, so Prof. Andreas Stallmach, Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Jena.

„Aber das Ganze ist wie bei Henne und Ei. Was war zuerst da? Hat die Mikrobiota die Entstehung der Krankheit bedingt oder führte erst die Erkrankung zu einer veränderten Darmflora? Noch wissen wir es nicht und müssen weitere Untersuchungen durchführen. Ich bin mir sicher, dass sich daraus in Zukunft neue Behandlungsmöglichkeiten erschließen werden.“ Im Vergleich zu anderen Kulturen kommt in der westlichen Hemisphäre die Erkenntnis, dass der Darm nicht nur ein bloßes Verdauungsorgan ist, relativ spät. In Asien wird ihm viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Man bezeichnet ihn unter anderem als „Onaka“, was „geehrte Mitte“ bedeutet, oder als „Hara“ – „Zentrum der körperlichen und geistigen Kraft“.

Ernährungsgewohnheiten und Darmgesundheit sind zwei Seiten derselben Medaille

Nach fernöstlichem Verständnis wohnen im Darm die Seele und die Gesundheit. In der chinesischen Medizin ist die Übertragung von Stuhl schon lange eine etablierte Heilmethode. Inzwischen hat sie auch die westliche Medizin erreicht und wird gegen den gefährlichen Krankenhauskeim „Clostridium difficile“, der immer wiederkehrend Durchfall auslöst, mit einer Heilungsquote von über 90 Prozent erfolgreich eingesetzt.

Dabei wird der Stuhlgang eines gesunden Menschen in den kranken Darm einer anderen Person übertragen. Dort siedeln sich die Mikroorganismen an und können die kranke Darmflora verändern oder wieder­aufbauen. Die Anwendung bei wei­teren Darmerkrankungen wird erforscht. Ernährungsgewohnheiten und Darmgesundheit sind zwei Seiten derselben Medaille.

Eine ungesunde Lebensweise und Ernährung belasten wiederum das Immunsystem. „Das eigentlich stabile Ökosystem im Darm kann durch schlechte Ernährungsgewohnheiten und auch durch medizinisch notwendige Antibiotika empfindlich gestört werden. Auch Belastungen durch Umweltfaktoren wie Antibiotika in Fleisch oder psychische Belastungen oder Stress machen sich im Darm bemerkbar“, so Professor Gerd Glaeske, Leiter des „Länger besser leben“-Instituts an der Universität Bremen.

Fokus Medizin: Ideal für die Darmflora sind drei Mahlzeiten täglich

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) https://www.dge.de/ empfiehlt eine ballaststoffreiche Ernährung. Dazu gehören Vollkornbrot, Getreideflocken, Obst und Gemüse/Hülsenfrüchte, aber auch Kartoffeln, Vollkornnudeln und Naturreis.  Lebensmittel, die Milchsäurebakterien enthalten wie Naturjoghurt, Buttermilch oder Sauerkraut, unterstützen ebenfalls die Darmflora.

Vor allem muss genügend Flüssigkeit getrunken werden. Das sind in der Regel eineinhalb bis zwei Liter Wasser oder un­gesüßte Tees täglich, bei Hitze oder sportlicher Betätigung auch mehr. Glaeske: „Jeder kann selbst viel dazu beitragen, eine gesunde Darmflora zu unterstützen oder aufzubauen. Wir sind schließlich selbst mitverantwortlich für unsere Gesundheit.“

Bei der Ernährung geht es aber nicht nur um das „Was“, sondern auch um das „Wann“. Ideal sind drei Mahlzeiten täglich, wobei die Pause zwischen Abendessen und Frühstück möglichst lang sein sollte. Weil die Verdauung bereits mit dem Speichel im Mund anfängt, ist gründliches Kauen wichtig, um dem Magen und Darm die Arbeit zu erleichtern. Schließlich regt viel Bewegung die Verdauung an und unterstützt so den Darm.

Von Manfred Godek

Fokus Medizin