Natürlich im Südwesten: So heißt das neue Magazin für eine nachhaltige und achtsame Lebensweise von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Das Magazin behandelt Themen von Bio-Lebensmittel bis nachhaltige Mobilität. Lesen Sie heute: Solidarische Landwirtschaft auf dem Reyerhof in Stuttgart-Möhringen.  Von Corinna Pehar

Natürlich im Südwesten

Fotos: Corinna Pehar

Der 30-jährige Landwirt Lukas Dreyer lebt seit 2015 mit seiner Familie auf dem nach Demeter-Richtlinien wirtschaftenden Reyerhof in der Unteraicher Straße in Möhringen. Unsere Natürlich im Südwesten Autorin hat sich den Hof mal genauer angesehen und das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft hinterfragt.

Der in München geborene und aufgewachsene Lukas Dreyer hat mittlerweile die Betriebsleitung komplett von seinem Vorgänger Christoph Simpfendörfer übernommen. Er kümmert sich um alles, was gerade anfällt. „Gestern habe ich den halben Tag damit verbracht, den Mistschieber wieder in Gang zu setzen.“ Später wird er noch „im Gemüse unterwegs“ sein, Zwiebeln- und Heu ernten. Mitten im Interview entschuldigt er sich für einen Moment. Kollegin Anna-Laura Hübner, die sich die Hofleitung mit Lukas Dreyer teilt und um die Tiere und die Milch- und Käseproduktion kümmert, braucht Hilfe: Der Hänger muss an den Traktor gespannt werden – manövriert wird mitten im Wohngebiet, eine Smartfahrerin wartet geduldig.

Natürlich im Südwesten: Der Reyerhof in Möhringen

Eine halbe Stunde später kommt die Betriebsleiterin mit einer Riesenladung saftig-frischem Gras zurück. Es wird laut, als sie es auf dem schweren Gerät zerkleinert und vor den hungrig aussehenden Kühen ablädt. Beherzt greift sie danach zur Mistgabel und lockert die grüne Mahlzeit wieder auf. Im gleichen Moment tritt eine gefräßige Stille ein.

Was erst einmal sehr idyllisch klingt und ausschaut, ist natürlich harte Arbeit. „Anna-Laura steht um 5 Uhr auf, ich stehe derzeit um 6 Uhr auf. Gestern war ich nach 22 Uhr oben in der Wohnung, einen Tag vorher bis 23.30 Uhr auf dem Acker“, verdeutlicht Lukas Dreyer. Doch mit dieser Arbeit hat er sich einen Kindheitstraum erfüllt. „Ich wollte schon immer Bauer werden.“

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Den Reyerhof zu übernehmen war für Lukas Dreyer ein Glücksgriff. Der 30-Jährige wollte immer Bauer werden.

Nach dem Abitur, seiner vierjährigen Ausbildung in biologisch-dynamischer Demeter-Landwirtschaft und einem Meister­titel war er sieben Jahre auf einem Hof in Niedersachsen. Und hat dort auch die solidarische Landwirtschaft kennengelernt und mit aufgebaut. „Die hatten schon früh erkannt, dass man etwas anders machen muss, um in der Landwirtschaft zu überleben“, erklärt der Landwirt. Den Reyerhof zu übernehmen war ein Glücksgriff für Lukas Dreyer. „Es war nicht nur ein Demeterhof, auf dem wir auch wohnen können, es gab auch schon drei Jahre lang die solidarische Landwirtschaft.“

Auch mit den Vorgängern habe alles gleich gepasst. Seine Frau genieße als Musikerin die gute öffentliche Anbindung, Musikunterricht könne sie von zu Hause aus geben. Und nicht zuletzt freut sich Lukas Dreyer über den Standort in der Großstadt und damit die vielen Studierenden und jungen Familien, die großes Interesse an der Philosophie des Hofes zeigen. Tatsächlich wurde bereits vor 30 Jahren auf Initiative Simpfendörfers eine transparente Kommanditgesellschaft gegründet. „50 Leute haben jeweils 5000 Mark gegeben, sodass der Betrieb vom Bruder von Frau Reyer-Simpfendörfer übernommen werden konnte.“

„Jeder zahlt, was er kann, und nimmt, so viel er möchte“

Verkauft wird einerseits im Laden, der mit zugekauften Produkten als Vollsortimenter gilt und „richtig gut läuft“. Das Gemüse kommt aber auch über sogenannte Abgabestationen unters Volk – und zwar an die insgesamt 440 Anteilseigner, aus der die solidarische Landwirtschaft besteht. Wobei hinter jedem Anteil durchschnittlich zwei Personen stünden.

Jedes Mitglied verpflichtet sich bei diesem seit 2013 bestehenden Prinzip für ein Jahr und zahlt einen von ihm selbst definierten Betrag. Der Reyerhof wirtschaftet mit diesem Budget, die Ernte wird unter allen Mitgliedern solidarisch geteilt. „Sprich, jeder zahlt, was er kann, und nimmt, so viel er möchte“, erklärt Dreyer. Wöchentlich wird der eigene Bedarf in einer Liste angegeben, und Dreyer bringt die „Bestellungen“ an die Stationen, die in öffentlichen Gebäuden oder auch in privaten Hinterhöfen oder Garagen sein können.

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Anna-Laura Hübner teilt sich die Hofleitung mit Lukas Dreyer und kümmert sich hauptsächlich um die Tiere und die Milch- und Käseproduktion.

Im Großen und Ganzen funktioniere das auf Vertrauen und einem Gemeinschaftsgefühl basierenden Modell sehr gut. Manchmal sei es allerdings so, dass von den Abholern jemand aus Versehen etwas Falsches mitnehme oder zu viel. Fairness und Disziplin heißt die Devise. „Wenn jeder zehn Prozent mehr abwiegt, bekommt jeder zehnte nichts.“

„Die Kunden wollen Teil der Bewegung sein“

Zudem merke ein schwarzes Schaf auch schnell, dass man sich an Gemüse nicht bereichern kann.  Die solidarische Landwirtschaft finde seit fünf bis sieben Jahren „wahn­sinnig viel Anklang“. Der Trend geht klar zur bewussten Ernährung und sei auch bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das Konzept habe in den letzten zwei Jahren einen Zuwachs von je 25 Prozent erfahren. Langsam stoße der Hof allerdings an seine Grenzen.  Doch die Lösung ist verzwickt: Leute abzulehnen sei gegen die Philosophie, dagegen spreche ebenso einfach mehr Gemüse anzubauen. „Die nachhaltige Landwirtschaft lebt von der ihrer Vielfalt, das macht uns aus, darauf sind wir stolz.“

Denn so werde das Risiko einer Missernte nicht nur auf mehrere Schultern verteilt, es gebe auch dank der Vielfalt stets alternative Produkte. Derzeit werden von den Mitgliedern verschiedene Ideen gesponnen, wie man das Konzept möglicherweise mit Kooperationen erweitern könnte.  Eine weitere Neuerung auf dem Reyerhof ist, dass der Hofladen  seit rund einem Jahr in eine Genossenschaft umgewandelt wurde.  32 Freunde des Hofes haben sich zusammengetan. Sie übernehmen die Verantwortung, manche helfen sogar auf dem Acker mit. „Die  Kunden heute wollen Teil der  Bewegung sein. Sie wollen sich  mit dem iden­tifizieren, was sie  kaufen und essen!“

https://www.reyerhof.de/

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