In diesem Jahr erhalten die Leserinnen und Leser von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten exklusiv ein Standort Spezial. Das Immobilienmagazin für Stuttgart und die Region nimmt aktuelle Themen aus dem Immobilienbereich unter die Lupe und liefert exklusive Homestorys. Lesen Sie heute: Zu Hause bei Christian Langer. Von Petra Mostbacher-Dix

Standort Spezial_Christian Langer

Foto: Wilhelm Mierendorf

Timing ist alles, insbesondere, wenn man Musik macht. Und manchmal kommt Glück hinzu. Wie bei Christian Konrad Maria Langer alias Justice: Der Tenor der A-cappella-Truppe Füenf entdeckte an einem Freitagnachmittag im Internet ein Haus, rief den Makler an, bekam sofort einen Termin. Nur eines gab der ihm mit auf den Weg. „Er sagte, es kann sein, dass Sie wenig oder keine Möbel mitnehmen können, weil alles krumm und schief ist. Ich sagte: super.“ Sind doch krumme und schiefe Wände keine Seltenheit für ein Haus des Baujahres 1640, das unter Denkmalschutz steht. Der Standort Spezial Redaktion gewährt er einen exklusiven Einblick.

Justice verliebte sich denn auch sehr schnell in das renovierte Prunkstück. Seit zwei Jahren wohnt er nun auf dem Land hinter Heimerdingen.  Obschon der öffentliche Nahverkehr noch ausbaufähig wäre. „Ohne Auto geht es leider nicht. Aber ich hänge emotional nicht an bestimmten Orten. Wegen meines Berufs will und muss ich in der Region leben.“ In Winnenden lebte er etwa in einem kleinen, parkettierten Häuschen, in Waiblingen in einer alten Industriellenvilla mit „irre renovierungsbedürftigem Flair und parkähnlichem Garten“. Alles zur Miete. Nachdem er wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde, wollte er keine Kompromisse mehr machen. „Du machst kein neues Bad, wenn du nicht weißt, wie lange du zur Miete bleibst. Ich wollte mich zu Hause fühlen.“

Standort Spezial: Zu Hause bei „Fuenf“-Tenor

Das tut er im schmucken Fachwerkhaus mit der weißen Putzfassade und den rot gestrichenen Balken. Dessen Historie fällt schon am Türsturz ins Auge. So sind in den Sandstein die Worte „Zu der Zeit Baron von Reischaiser Stabsschultheisz und Hirschauischer Pflegehefer“ eingraviert. Dahinter sind indes keine engen mittelalterlichen Kemenaten à la Friedrich Schillers Marbacher Geburtshaus. Auf insgesamt 300 Quadratmetern haben die Vorbesitzer große, lichte Räume geschaffen. „Endlich habe ich Platz für meine Bilder“, so Langer, auf die surrealistischen Ölgemälde an den Wänden verweisend. Viel hat er gemalt früher. „Gerade habe ich dazu keine Muße“, sagt er, während er die einstige Aufteilung des Hauses beschreibt.

„Oben war die Scheune, darunter wurde gewohnt in kleinen Zimmern neben den Stallungen. Meine Vorgänger haben einige Wände herausgerissen.“ Einzig das Bad hat er erneuert, in Grau-Weiß mit barrierefreier Dusche. „Da war eine Decke eingezogen, die war mir zu niedrig wegen meiner Körpergröße. Nachdem ich die Decke wegreißen ließ, kam das zum Vorschein!“ Langer zeigt auf den braunen Balken, der die Spur der Geschichte trägt. „Der wird nicht abgeschliffen, er wirkt, wie er ist.“

Wie die vielen anderen Fachwerkhölzer, die wie durchlässige Paravents den Essbereich von der Wohnzone trennen. Das schafft pittoreske Ablageflächen. Hier hat denn auch Langer die in Blau- und Grüntönen changierenden Steine hingelegt, die er als kleiner Junge mit seinem Vater fand. „Ich hatte nie einen Ort für diese Erinnerungen, die Balken sind ideal.“

Möbelstücke aus den 30er Jahren

Der schlichte Holzesstisch, um den sich verschiedene Stuhlarten scharen – einige fand er über Kleinanzeigen, zwei sind von der Oma –, war sein erstes Möbelstück, das er kaufte, als er von zu Hause auszog. Aus dem Netz hat er das niedrige Sideboard samt Rolltoren und Kastenregalen, mit Platten bestückt, darüber ein Flachbildschirm – die gegenüber der grauen Couch thronen, als ob das Ensemble für den Spot unter dem schrägen Dach gemacht wäre. Im Möbelhaus kaufen ist sein Ding nicht. „Ich bin schon immer wieder mal durch eines gelaufen – wie um mich zu versichern, dass das nichts für mich ist.“ Lieber hat Langer kein Möbel als eines, das ein Kompromiss wäre. Jedes Stück ist ein Bekenntnis, wie die quer liegende Riesenbirne, die den Esstisch warm und stilvoll ausleuchtet.

Es braucht, bis „Justice“ sich für ein Möbel entscheidet. Aber wenn er es dann tut, dann hat er es möglichst ein Leben lang. Oder womöglich Generationen? Die imposante Standuhr im eklektischen Stil stammt von seinen Großeltern, das klassische Büfett mit dem gläsernen Vitrinenaufsatz von seiner Tante – darin Serviceteile und allerlei Sammeltassen. Und der Taktstock, den ihm seine Mutter, als er klein war, schenkte. „Sie war Schneiderin, nähte mir einen kleinen Frack dazu – ich wollte damals Dirigent werden.“

Die Möbelstücke stammen aus den 30er Jahren – und stehen auf dem obersten Treppenaufsatz, wie auch ein Schreibtisch, vor Boxen, neben einem Ofen, ein anderer ist im Wohnzimmer. „Hier schneide ich meine Musik“, so der 42-Jährige. „Auch mal spät, da ist alles
bestens gedämmt.“ Nebenan wird komponiert am Klavier im 30er-Jahre-Stil: „Es tut so, als ob es alt wäre.“ In den Ecken harren Gitarre und Bässe auf den Multiinstrumentalisten, vor dem Fenster steht ein Schlagzeug-Set, verbrämt mit LED-Lichterkette.

„Mir war ein Garten immer wichtig“

Langer lacht. „Das wollte ich schon als Kind lernen. Keiner lässt dich mit seinen Drums üben – und ich bin Linkshänder, also habe ich mir das angeschafft.“ Hier könne er auch mitten in der Nacht üben, ohne gehört zu werden. „In einem Mehrfamilienhaus wäre das komplizierter.“ Er hat einige Lieblingsplätze, z. B. die Bank auf der Holzterrasse im Garten unter der Pergola mit den roten Weinranken. „Hier komme ich runter. In Remseck aufgewachsen mit viel Natur, war mir ein Garten immer wichtig.“

Ein weiterer ist der Treppensitz zwischen Couch und Sideboard in der Wohnzone. Unter dem Grobspan – der ist auch sonst auf dem Boden zu fi nden – und seinen Kissen verbirgt sich eine Kiste. „Risiko“ und andere Spiele mehr sind darin zu entdecken: „Ich liebe Gesellschaftsspiele, das ist meine Spielkiste.“ Der multifunktionale Stauraum ist ganz nach seinem Geschmack. Übernommen hat er ihn von den einstigen Bewohnern, sie ließen diese einbauen – nicht um zu verstauen, sondern um Rohre zu verstecken.

Übernommen hat er auch die Buchenholzküche, auf deren Schränken er exakt eine Sammlung an Porzellanbechern samt Karaffe aneinanderreihte. Auf ihnen sind Autos auszumachen. „Sie sind von meinem Vater, er war Maschinenbauingenieur“, sagt er – und zeigt sein wichtigstes Utensil: eine „French Presse“ oder auch Pressstempelkanne. „Ohne Kaffee geht gar nichts bei mir“, sagt er lachend und schaut sich sinnierend um. Manchmal könne er es gar nicht fassen, dass er dort wohne. „Zu Hause sein bedeutet, an einem Ort zu sein, wo man tun und lassen kann, was man will, niemandem etwas vormachen muss. Das ist gerade auch für einen Entertainer wichtig.“