Personal in der Pflege ist händeringend gesucht. Das trifft aber auch für andere Bereiche im Gesundheits- und Sozialwesen zu. Über ungewöhnliche Methoden beim Recruiting und Start-ups, die neue Ideen für die Branche zeigen, informiert das Sonderthema „Perspektive Gesundheits-und Sozialwesen“ der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Lesen Sie heute: So treiben Start-Ups die Digitalisierung in der Pflege voran. Von Leila Haidar

Gesundheits-und Sozialwesen--

Eine Innovation für das Gesundheits-und Sozialwesen: Oliver Weiss vermittelt Betreuungskräfte aus dem Ausland in deutsche Haushalte. Das ist ganz legal und wird immer einfacher. Mithilfe der EU-geförderten Mecasa-Plattform kamen seit 2017 rund 100 polnische oder rumänische Helferinnen nach Deutschland, um bei Senioren zu wohnen und ihnen im Haushalt zur Hand zu gehen. Das Besondere: Hinter der Webseite versteckt sich ein ausgeklügeltes System, das mit der Universität Heidelberg entwickelt wurde. „Wir stellen sicher, dass sich Helferin Danuta und der ältere Onkel Otto gut verstehen“, erläutert Weiss. Schließlich verbringt man viel Zeit miteinander.

Ein Fragebogen, ein psychologisches Profil und die Angabe eigener Präferenzen machen es möglich, dass sich Danuta und Otto mögen und miteinander im Alltag klarkommen. „Der Fokus auf das persönliche Matching wird für unsere Kunden immer wichtiger. Die Beziehung rückt mehr und mehr in den Vordergrund“, sagt der 29-jährige Gründer. Die Helferin bestellt für den Senior nicht nur den Haushalt, sondern kocht auch und hilft beim Anziehen und Essen. Kurz: Sie unterstützt bei allem, außer bei der Behandlungspflege, die medizinische Kenntnisse voraussetzt.

Der Rundum-Service kostet den Senior zwischen 2100 und 3400 Euro pro Monat. Wer weniger zahlt, handelt höchstwahrscheinlich illegal oder zumindest unmoralisch. Man entlohnt entweder die Arbeitskraft unfair, zahlt keine Steuern oder verzichtet auf Versicherungen. Wichtig für den Stuttgarter: Die Arbeits­bedingungen, die Unterbringung und die Bezahlung müssen für beide Seiten passen. Und ist medizinische Pflege vonnöten, vermittelt er zusätzlich einen ambulanten Pflegedienst. „Wir haben offline angefangen, inzwischen kommen 80 Prozent der Anfragen über die Webseite“, erläutert der studierte Volkswirt.

Start-up im Gesundheits-und Sozialwesen: inveox

Ebenfalls ein Start-up im Gesundheitsbereich ist die Medizintechnik-Firma inveox, die 2017 gegründet wurde und bei zahlreichen Businessplan-Wettbewerben abräumte. Teilgenommen hatte Dominik Sievert mit seinem Team siebenmal, um sich mit anderen zu vergleichen. „Ein gutes Gefühl, wenn Profis mein Fundament auf Standfestigkeit prüfen und es für gut befinden“, erzählt der Gründer.

Sein Unternehmen hat unter anderem einen intelligenten Behälter für Gewebeproben entwickelt, die beispielsweise zur Krebsdiagnose entnommen werden. Der Container, ein Automat für den Probeneingang und die zugehörige Daten- und Kommunikationsplattform helfen dabei, Fehler bei der Diagnose zu verhindern. Das erhöht die Patientensicherheit und sorgt für eine Effizienzsteigerung von 50 bis 70 Prozent im Probeneingang. Das kann bei mittelgroßen Laboren einen Gegenwert von bis zu 200 000 Euro an Einsparpotenzial pro Jahr bedeuten.

Das Geschäft läuft gut: Der Personalverantwortliche vergrößerte rasch auf 33 Mitarbeiter, im April kamen vier weitere dazu. Dabei achtet er mehr auf das Mindset als auf die Noten. „Wichtig ist mir, dass ich Potenzial in einem Menschen sehe. Er muss ins Team passen und sich weiterentwickeln können“, erläutert Sievert.

Mitarbeiter aus elf Nationen

„Start-ups rekrutieren klassischerweise Hochschulabsolventen. Das passt zur steilen Lernkurve und zum Einsteigergehalt“, sagt Paul Wolter, Sprecher des Bundesverbands Deutsche Start-ups e. V. Nicht nur wenn es um IT und Künstliche Intelligenz geht, sind Gründer kreativ. Genauso bei den Vergütungsmodellen: Ob Unternehmensbeteiligung, Gewinnausschüttung oder der Titel auf der Visitenkarte – es gibt nichts, was es nicht gibt.

Die schnell wachsenden Kleinunternehmen bleiben gerne schlank und outsourcen Kompetenzen. Allerdings stellen die dynamischen Firmen ebenfalls Mitarbeiter fest ein – und das nicht nur befristet und in Teilzeit. Laut Start-up-Monitor 2017 schafft jedes neu gegründete Unternehmen für 13 Menschen einen Arbeitsplatz. Auf der anderen Seite ist Sicherheit nicht gerade das Aushängeschild von Start-ups. Von zehn Start-ups sind fünf Jahre nach der Gründung noch fünf tätig. „Darunter schreiben vier schwarze Zahlen und einer ist ein Überflieger“, erklärt der Verbandssprecher.

Einen bestimmten Typ Mensch stellt inveox nicht ein. „Ganz im Gegenteil, mir ist Diversität wichtig“, erläutert Sievert. Der jüngste Mitarbeiter sei 18 Jahre alt, der älteste 64 Jahre. Er beschäftigt Menschen aus elf Nationen. Darunter die verschiedensten Qualifikationen: vom Ingenieur der Elektrotechnik über den Medizininformatiker bis hin zum Informationspsychologen. „Das Konzept geht gut auf: Wir mischen junge Menschen, die neue Technologien kennen, mit älteren, die dank Praxiserfahrung Ideen kanalisieren“, so der inveox-Gründer.

Roboter Da Vinci assistiert im Stuttgarter Diakonie-Klinikum

Hier gelte: Selbstständiges Arbeiten, Anpacken und Lernwille sind wichtiger als die 20. Programmiersprache im Lebenslauf. Ein ehemaliges Start-up im Gesundheitssektor revolutioniert derzeit die Arbeit im Operationssaal. Wenn Professor Christian Schwentner im Stuttgarter Diakonie-Klinikum operiert, assistiert ihm der Roboter Da Vinci.

Diesen steuert der Chefarzt der Urologie per Joysticks wie eine Marionette. Die Roboterarme, bestückt mit medizinischen Instrumenten, übernehmen für den Chirurgen das Schneiden und entfernen bösartige Krebsgeschwüre oder andere Zellmutationen. Mit fünf minimalinvasiven Eingriffen pro Tag gehört Schwentner zu den führenden Fachärzten in Europa, die in dieser Intensität mit einem Roboter-Assistenten operieren. Entwickelt wurde das System vom im Jahr 2000 gegründeten Start-up Intuitive Surgery aus den USA. Rund 200 solcher Roboter-Assistenten stehen in deutschen Operationssälen.

Mehr unter

https://www.mecasa.de/

https://inveox.com/

https://deutschestartups.org/