Dem Verpackungsmüll den Kampf ansagen – das ist die Vision der Unverpackt-Läden. Es gibt immer mehr davon, auch in der Region Stuttgart. Von Dagmar Engel-Platz

Unverpackt-Läden Stuttgart

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Einen Korb, ein ausgespültes Einliter-Eimerchen, in dem einmal Joghurt war, eine ehemalige Familienpackung Eis ohne Inhalt und zwei saubere Marmeladengläser – so ausgerüstet geht‘s zum Einkaufen in den Unverpackt-Laden in Kirchheim/Teck. Gleich neben dem Eingang steht eine Waage, die mitgebrachten Gefäße werden gewogen und bekommen einen Aufkleber mit dem Gewicht. Haferflocken und Nudeln kann man anschließend selbst aus großen Glaszylindern, den Bulk Bins, die an der Wand hängen, abfüllen.

Auf dem langen Tisch in der Mitte des Ladens stehen große Gläser mit Holzdeckeln. Von da füllt  Nadja Schoser, die Inhaberin von „eigenhändig“, Kakaopulver und Kakaonibs – das sind zerstückelte getrocknete  Kakaobohnen – in die mitgebrachten Marmeladengläser. Sie wiegt die Waren. Nach dem Bezahlen fragt sie, ob man den Kassenzettel ausgedruckt oder per E-Mail möchte. Müll und Verschwendung zu vermeiden, das ist die Philosophie der Unverpackt-Läden. Seit 2014, als Marie Delaperriere den ersten Unverpackt-Laden in Kiel eröffnete, verbreiten sich die Läden, und der Trend hält an.

Aktuell gibt es gut 250 Unverpackt-Läden in Deutschland, etwa 260 sind in Planung, berichtet Gregor Witt, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Unverpackt Läden https://unverpackt-verband.de/, der 2018 gegründet wurde. Die Szene ist bunt. Es gibt die unterschiedlichsten Geschäftsformen, darunter Vereine und Genossenschaften, die meisten sind inhabergeführt. Die Läden sind meistens zwischen 50 und 100 Quadratmeter groß.

„Wir wollen ein Stück die Welt verändern“

„Es gibt auch einige Marktwagen“, sagt Witt. Die meisten führen sogenannte trockene Ware mit sich wie Getreideflocken, Hülsenfrüchte, Nudeln, Reis, Nüsse und vieles mehr. Im Angebot sind oft auch Obst, Gemüse, Öl, Essig, Eier, zum Teil Molkereiprodukte bis hin zu beinahe Vollsortimentern. Dazu kommen Kosmetik- und Reinigungsmittel sowie Küchenutensilien und Geschenkartikel. „Und fast alle haben ein Gastroangebot“, weiß Witt. Darüber hinaus zeichnet diese Läden aus, dass sie die Zero-Waste-Philosophie vermitteln – durch Beratung zur Müllvermeidung, den Verkauf  entsprechender Bücher oder durch Workshops. „Wir wollen ein Stück die Welt verändern“, sagt Witt.

„Wir sind Pioniere und geben gern Hilfestellung.“ Kernthemen  des jungen Verbandes sind deshalb Vernetzung, Wissenstransfer und Marketing. „Wir wünschen uns, dass viele unverpackt einkaufen können, aber dass es richtig gemacht wird“, sagt Witt. Deswegen suche man auch  den Kontakt zu den großen Händlern, die zunehmend den Trend aufnehmen, unverpackte Lebensmittel anzubieten.

In einem Unverpackt-Laden einkaufen zu  gehen braucht etwas Vorbereitung und  Zeit. Denn man sollte vorher überlegen, was und wie viel man einkaufen möchte. Dementsprechend muss man Dosen, Beutel oder Gläser sowie einen Korb mitnehmen. Für Spontaneinkäufe stehen in den Läden aber meistens auch gespendete Gläser bereit. Zudem ist es hilfreich, sich vorher auf der Homepage des ausgewählten Geschäftes über das Warenangebot und eventuell die Preise zu informieren. Die meisten Händler haben sich auf regionale Produkte und Produkte in Bioqualität spezialisiert.

Unverpackt-Läden in Stuttgart: Nadja Schoser eröffnete mitten in der Coronakrise

Nadja Schoser hat ihren Laden mitten in der Corona-Pandemie im Mai 2020 in Kirchheim/Teck eröffnet. Die ehemalige Flugbegleiterin vollzog nach eigenen Angaben einen deutlichen Kurswechsel. Das Essen an Bord, die  Unmengen an Müll, die dort anfallen, der CO2-Ausstoß – das alles gab ihr zu denken. „Ich habe es geliebt“, sagt  sie, aber sie hat sich von diesem Lifestyle verabschiedet. In einem Start-up mit einem Bio-Riegel sammelte sie Erfahrungen im Lebensmittelgeschäft und wagte dann den Schritt zum Unverpackt-Laden.

Mittlerweile hat sie eine kleine Stammkundschaft und Teilzeitkräfte zur Unterstützung. „Manchmal sind es die  Kinder, die in der Schule das Thema Plastik und Müll behandelt haben und ihre Eltern hierher zum Einkaufen führen“, erzählt sie. Neben alltäglichen Trockenwaren, Kosmetik-, Reinigungsmitteln und Geschenkartikeln gibt es bei ihr samstags Brot von der Eselsmühle in Leinfelden-Echterdingen. Und sie probiert gern Neues aus. „Lecker  sind zum Beispiel geröstete Ackerbohnen salt und vinegar  oder indisch gewürzte Bananenchips“, so Nadja Schoser.

Das Gute sei ja, dass man erst mal eine kleine Menge zum  Probieren erstehen kann. So müsse man auch weniger Lebensmittel wegwerfen. Einmal in der Woche gibt es ein Mittagessen zum Mitnehmen. Und man nehme sich Zeit  für ein kleines Gespräch.

„Die Unverpackt-Läden haben alle ihren persönlichen Charme“

Den persönlichen Kontakt genießen auch die Kunden bei Tante M in Stuttgart-Sillenbuch. Maarit Schneider-Penna wurde in einer Frauenzeitschrift auf das Thema Unverpackt-Laden aufmerksam. Sie machte einen Workshop in Kiel und eröffnete 2019 Tante M. Es gibt immer mehr Menschen, die sich für das Konzept der Müllvermeidung öffnen, die bewusster konsumieren möchten, stellt Schneider-Penna fest.

„Die Kundinnen und Kunden schätzen die Beratung und das Einkaufserlebnis“, sagt Schneider-Penna. „Die Unverpackt-Läden haben alle  ihren persönlichen Charme.“ Bedenken wegen Hygiene sind unbegründet, beteuern alle. „Wir sind Hygieneprofi’s“, meint Schneider-Penna. „Niemand kommt mit den  Lebensmitteln in Berührung.“ Löffel, Schöpfkellen, Zangen kommen unmittelbar nach Benutzung in ein Gefäß  und werden gereinigt.