Grüner, klimafreundlicher, biodiverser: Urban Gardening gedeiht seit Jahren quer durchs Land. Vor allem die Bewohner in den Städten Baden-Württembergs genießen das Gärteln. Von Petra Mostbacher-Dix

Urban Gardening

Foto: Dalcolmo

Lustvoll beißt Insa in die Tomate, die sie aus dem Einmachglas gefischt hat. „Die letzte ihrer Art“, sagt sie schmunzelnd. „Die anderen Gläser, die ich eingekocht habe, sind schon leer. Alle Tomaten aufgegessen!“ Es waren die Früchte ihres eigenen Anbaus. Die Übersetzerin hat auf ihrem Balkon einen kleinen Gemüsegarten angelegt – und im vergangenen Jahr noch mehr zu schätzen gelernt. „Corona hat ja so manchen von uns auch mehr Zeit beschert. So habe ich erstmals Auberginen und Lauch gezogen – lecker.“ Sie schaut auf ihre aktuelle Tomatenanzucht, die den Fenstersims in der Küche schmückt.

Das Hochbeet aus Europaletten

Auf dem Balkon hat sich dem ersten ein zweites Hochbeet hinzugesellt, das sie aus Europaletten gebaut hat. „Da kommen sie hin – nach den Eisheiligen“, zitiert sie eine alte Faustregel. Und erklärt, warum sie ein Fan des Gärtnerns auf dem Altan ist: „Ökologisch, ohne Giftstoffe, direkt vor der Küchentür und wunderschön!“

Wie Insa pflanzen zunehmend Stuttgarterinnen und Stuttgarter auf dem Balkon, dem Dach – oder auf gemeinschaftlichen städtischen Flächen Obst, Gemüse, Blumen, Zierstauden und Bäumchen an. Urban Gardening ist in!

Open-Source-Gärten bis Indoor- Gemüseanbau

Der Garten auf dem Balkon

„Selbstversorgung 2.0“ nennen dies die Trendforscher des Zukunftsinstituts. Und beschrieben schon vor einigen Jahren eine junge Generation von Städtern, die Konzepte von Open-Source-Gärten bis Indoor- Gemüseanbau auf Dächern, Brachflächen, Balkonen und Terrassen erprobten. Mittlerweile beteiligen sich alle Altersgruppen am Städtischen Gärtnern, das quer durch Deutschland sprießt. In Stuttgart gibt es gar eine Koordinationsstelle für Urban Gardening – und Förderprogramme für Urbanes Grün beim Amt für Stadtplanung und Wohnen.

Diese unterstützt die Begrünung von Höfen, Dächern und Fassaden im Stadtgebiet; Aktive, Initiativgruppen, Schulen und Kindertagesstätten werden miteinander vernetzt und beraten. Intention: die Stadt grüner und klimafreundlicher gestalten, um so auch das Mikroklima zu verbessern, den CO2-Eintrag zu verringern und die Biodiversität zu unterstützen. Man denke nur an die Wildbienen, die mittlerweile in manchen Städten mehr Nahrung finden als auf Monokultur-Äckern. Auch auf dem Stuttgarter Rathausdach wird geimkert.

Urban Gardening: „gärtnerische Nutzung städtischer Flächen innerhalb von Siedlungsgebieten“

Mehr Miteinander im Stadtviertel

Der Begriff Urban Gardening wird als – meist kleinräumige – „gärtnerische Nutzung städtischer Flächen innerhalb von Siedlungsgebieten“ definiert. An die 800 Gartenprojekte gibt es aktuell bundesweit, die über „urbane-gaerten.de“ vernetzt sind. Diesen Gemeinschaftsgärten eigen ist, dass Menschen diverser Herkunft und unterschiedlichster Bildungs- wie Einkommensniveaus zusammen nicht nur für mehr Grün und Selbstangebautes sorgen, sondern auch für mehr Miteinander in einem Stadtviertel.

Nicht zuletzt gedeihen so auch Kultur, Bildung und Verständnis füreinander. Und das tut gut, insbesondere in diesen Zeiten der Pandemie und sozialer Distanz. Möglich ist es sowieso, weil es draußen stattfindet, an Orten des Selbermachens und der Selbst­organisation.

In der Landeshauptstadt sind einige solcher Oasen zu entdecken. Zu den bekanntesten gehört sicherlich die oberste Etage des Züblin-Parkhauses in der Innenstadt, auf dem eine große Vielfalt an Flora in 40 Beeten gedeiht, gepflegt von ungefähr 30 Gärtnerinnen und Gärtnern.

Im Stuttgarter Osten beackern fast 20 Mitglieder den Nachbarschaftsgarten Stöckach

Ein Parkhaus als Garten mitten in der Stadt

„Park{haus}“ heißt das Gartenprojekt, das die Macher des gemeinnützigen Vereins Ebene 0 http://www.ebene0.de initiierten. Mitmachen können alle, die Lust haben. „Bisher haben wir jeden Interessenten noch irgendwie unterbekommen, ansonsten kann man sich auf die Warteliste setzen lassen. Manche springen ab oder ziehen weg, so werden immer wieder Beete frei“, so Katja Heinemann, Koordinatorin des grünen Idylls, im Blog Neckarperlen.

Im Stuttgarter Osten beackern wiederum fast 20 Mitglieder mit ihren Familien den Nachbarschaftsgarten Stöckach, ernten Kürbisse und Tomaten, Rote Bete und Pastinaken, Salat und Bohnen, nutzen Leinsamen oder Borretsch als Gründünger. Getragen wird das Projekt von einem Verein.

Ein solcher ist auch Chloroplast, der 2015 neues Leben in eine leer stehende Gärtnerei in Stuttgart-Weilimdorf brachte und in eine Schnittstelle aus Natur und Kultur verwandelte. Hier werden essbare Mittel für Körper, Seele und Geist produziert, künstlerische und soziale Projekte auf den Weg gebracht.

Urban Gardening wird zu Social Gardening

Social Gardening eben. Das bietet außerdem der Stadtacker auf dem Wagenhallen-Areal. Nur zwei Regeln müssen Interessierte beachten: biologisch gärtnern und Gemeinschaftssinn pflegen. Mit dabei: Studierende, junge Familien, Einwanderer und Arbeiter mit unterschiedlicher Herkunft.

„Was uns verbindet, ist die Lust auf Erde, Pflanzen und schmutzige Hände, sprich die Leidenschaft fürs Gärtnern und der Wille zur Gestaltung unserer Umwelt“, wird da betont. Um Begegnungen geht es auch im sozialen Gemeinschaftsgarten El Palito https://www.elpalito.de/ auf dem Haigst am Santiago-de-Chile-Platz. Im Mittelpunkt stehen Kultur und das Konzept Permakultur, also die Beobachtung natürlicher Ökosysteme und Kreisläufe der Natur. Ein Fokus liegt auf besonderen Kräutern und deren Vermehrung.

Die erhielten wegen eines Brandes einen Rückschlag. Doch die Mitglieder von El Palito geben nicht auf. „Es ist immer noch ein Zauberland“, erklärten sie dem Stadtkind der Stuttgarter Zeitung. Und damit haben sie bestimmt allen urbanen Gärtnerinnen und Gärtnern aus der Seele gesprochen.