Marathon ist eine ultimative Herausforderung, eine grenzüberschreitende Erfahrung. Herbert Steffny, ehemaliger Weltklasse-Leichtathlet, weiß, wie man so etwas bewältigt. Im Interview für das Projekt „Von 10 auf 42“ der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten gibt er wertvolle Tipps.

Das Laufprojekt, das sie betreuen, nennt sich „Von 10 auf 42“. Was bedeutet das?

Das Zeitfenster der Vorbereitung beträgt knapp ein Jahr. Wer an dem Projekt teilnimmt, sollte bereits laufen und eine Distanz von zehn Kilometern gut überstehen. Der Bewegungsapparat muss in die Belastung hineinwachsen, was seine Zeit braucht. Ein Marathon ist nicht einfach ein vierfacher Zehn-Kilometer-Lauf.

Mental, physiologisch und von der Belastung her für die Gelenke und die Muskeln ist das eine ganz andere Baustelle. Wenn man mit Respekt und durchaus auch mit etwas Demut herangeht, sollte es möglich sein, dass sehr viele Teilnehmer des Projekts den Berlin-Marathon schaffen. Oder vielleicht sogar alle, wenn sich keiner verletzt.

Wie wichtig ist die ärztliche Betreuung in der Vorbereitung?

Sehr wichtig. Ein Leistungscheck und die entsprechende medizinische Diagnostik ist in dem Projekt „Von 10 auf 42“ mit vorgesehen. Das ist aus meiner Erfahrung absolut vernünftig. Übrigens ist das auch einer der Gründe, warum ich dieses Konzept der Marathonvorbereitung befürworte. Ab einem Alter von etwa 40 Jahren ist es ohnehin sinnvoll, sich vom Arzt „grünes Licht“ geben zu lassen, ehe man ins Laufen einsteigt.

Von 10 auf 42

Foto: SCC Events

Auch, wenn es nicht gleich ein Marathon sein soll?

Ja, auch dann.

Verspricht Laufen in der Gruppe besseren Erfolg als Solotraining?

Eine Gruppe motiviert sich immer auch gegenseitig. In einer Gemeinschaft entsteht zusätz­licher Leistungsanreiz, der Wunsch, sich mit anderen zu messen. So ein Projekt ist in einer Gruppe erheblich leichter zu meistern, als wenn man es allein versucht. Im Spitzensport ist das ähnlich, auch da ist eine Trainingsgruppe von Vorteil.

Was macht die besondere Faszination des Berlin-Marathons aus?

Es ist zum einen der größte deutsche Marathon und zum anderen einer mit viel internationaler Beteiligung. Es ist eine superschnelle Strecke. Und nicht zuletzt ist es toll, dass sie als Freizeitsportler in einem Weltklassefeld mit dabei sein können und hautnah miterleben, wenn unter Umständen ein Weltrekord aufgestellt wird.

Stellen Sie sich vor, was es für einen bedeutet, wenn abends im Fernsehen die Reportage über den Marathon und die neue Weltbestzeit gesendet wird. Und Sie waren dabei! Überspitzt und scherzhaft formuliert, könnte man sagen, dass man die Weltklasse vor sich hergejagt hat (lacht). Auch die Hunderttausende Zuschauer, die Spalier stehen, machen die Veranstaltung einzigartig, genauso wie die große Zahl von mehr als 47 000 Teilnehmern.

Leistungscheck ist beim Projekt „Von 10 auf 42“ vorgesehen

Und was war persönlich Ihr eindrücklichstes Lauferlebnis?

Ich kann mich da nicht immer ganz definitiv festlegen, da ich viele Höhepunkte in meiner aktiven Karriere hatte. Aber wenn ich an die Europameisterschaft 1986 in Stuttgart denke, bei der ich die Bronzemedaille im Marathon gewonnen habe, ist das bis heute etwas ganz Besonderes für mich.

Wie fit sind Sie selbst noch?

Na ja, an meinem 65. Geburtstag bin ich den höchsten Alpenpass, den Col de l’Iseran, hoch gefahren und habe mir gedacht, früher war ich schneller. Andererseits schaffen das nicht so viele 65-Jährige (lacht). Aber ich laufe nicht mehr, um mir oder anderen etwas zu beweisen.

Sondern?

Zum Beispiel um mich gut zu fühlen, und schlicht, um gut drauf zu sein. Oder um mal zu schlemmen, ohne gleich ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Oder um die Gewissheit zu haben, dass jenseits des 60. Lebensjahrs noch im Wortsinne wirklich viel läuft. Wenn ich bei einem Klassentreffen meine Schulkameraden von früher sehe, kann ich sagen, ich habe nicht alles falsch gemacht.

Die Fragen stellte Reimund Abel

Herbert Steffny

Der ehemalige Weltklasse-Athlet Herbert Steffny be­treut das Laufprojekt „Von 10 auf 42“ der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten.