Viel zu lesen, viel zu entdecken – Ihre „Zeitung für alle“.  Als zusätzliches Angebot für unterhaltsame und informative Lese-Momente gab es am Mittwoch eine Überraschung in Ihrem Briefkasten. Mit vielen Beiträgen aus und für Stuttgart und die Region. Lesen Sie heute: die Granden der schwäbischen Schauspielgarde, Walter Schultheiß und Trudel Wulle. Von Petra Mostbacher-Dix

zeitung für alle

Vor der Kamera haben sie nie ein Ehepaar gespielt, aber Bruder und Schwester. Im echten Leben indes ist das Schauspielerpaar Walter Schultheiß und Trudel Wulle seit fast 70 Jahren verheiratet. Und auch nun, mit 94 und 95 Jahren, verraten sie der Zeitung für alle, stehen sie miteinander auf der Bühne. „Wir sitzen“, sagt Wulle lachend. „Wir geben Lesungen.“ Ihr Gatte ergänzt: „Ich bin nämlich kein g’standener Mann, sondern ein g’setzter.“

Ihr Humor ist es, jener der feinen trockenen, „knitzen“ Art, den ihre Fans lieben. Wulle wurde Ende der Vierziger mit ihren schwäbischen Mundarthörspielen für den damaligen Südwestfunk berühmt, Schultheiß vor allem für seine Straßenkehrer-Sketche. In den Sechzigern unterhielt er jeden Samstag die Zuhörer mit Werner Veidt als Reinigungs-Duo Karle und Gottlob.

Den Song „Ich bin der Straßenkehrer Gottlob Friederich; ich kehr’ für Arm und Reich, für Hoch und Niederich“ kannte jedes Kind.

Götz Schultheiß verrät in der Zeitung für alle: „Mein Vater hat auf unglaubliche Weise vorgelesen“

Mit Trudel Wulle stand er gemeinsam vor der Kamera, in den Fernsehserien „Köberle kommt“ über einen Polizeiarchivar, „Der Eugen“, in der es um ein schwäbisches Weingut ging, oder „Laible und Frisch“, die von einer schwäbischen Dorfbäckerei handelte. Mit 90 Jahren feierte Schultheiß noch einen großen Erfolg: In „Global Player – Wo wir sind, isch vorne“ spielte er einen schwäbischen Familienunternehmer, wie es so einige gibt. Dass er während des Drehs versuchte, Chinesisch zu imitierten, quittierte die Dolmetscherin damals mit den Worten: „Das ist eher Kantonesisch.“ Schultheiß feixt: „Ich wusste nicht, dass ich das kann.“

Sein Sohn, der Journalist Götz Schultheiß, sagt schmunzelnd: „Mein Vater kann alles verkalauern. Er beobachtet – und plötzlich setzt er kurz und trocken die Pointe.“ Seine Kindheit sei sehr fröhlich gewesen, erzählt er. „Mein Vater war viel unterwegs. Aber wenn er zu Hause war, dann präsent, hat auf unglaubliche Weise vorgelesen!“ So sei bei ihm die Freude an der Sprache geweckt worden.

Fotos: Wilhelm Mierendorf

Und an der Schauspielerei? „Auch, aber ihm Gymnasium habe ich mich dann anders orientiert. Meine Eltern hätten mir nie einen Stein in den Weg gelegt, ganz gleich, was ich hätte werden wollen.“ Kindgerecht und wohl dosiert hätten sie ihm Möglichkeiten aufgetan, etwa an die Kultur herangeführt. Als es immer wieder von Ober­aichen aus, wo die Familie während seiner früheren Kindheit wohnte, nach Stuttgart zum Kleiderkauf ging, gab es hernach stets ein Schmankerl: ein Besuch im Linden­museum https://www.lindenmuseum.de/, in der Staatsgalerie https://www.staatsgalerie.de/ oder in der Wilhelma https://m.wilhelma.de/.

„Einkaufen war mir ein Graus, weil es mir im Auto immer schlecht wurde. Die Besuche der Kulturorte war die Belohnung, sie sind mir bis heute Fixpunkte geblieben“, so Götz Schultheiß.

Kunst ist denn auch eine Leidenschaft von Trudel Wulle und Walter Schultheiß: Sie nennen eine Zeichnung von Anselm Feuerbach und Pastelle von Max Ackermann, den sie persönlich kannten, ihr Eigen sowie Werke von Willy Wiedmann. Der Maler, Bildhauer, Musiker, Komponist schuf aus Rahmen ein Bild, in dem Schultheiß’ Namen versteckt ist. Der wiederum lernte bei dem Künstler malen. Begeistert erzählt der Schauspieler von der Wiedmann-Bibel: ein kilometerlanges Leporello mit dem kompletten Alten und Neuen Testament in 3333 Bildern.

Die Heilbronnerin und der „geborene Monarchist“ aus Tübingen

Wulle lächelt – und erzählt, wie sie sich kennenlernten, die Heilbronnerin und der „geborene Monarchist“ aus Tübingen – „ich war ein Kaiserschnitt“. Im Volks­theater Stuttgart, zu dessen Ensemble Wulle von 1946 bis 1948 gehörte. Dort spielte sie in Operetten wie „Im weißen Rößl“ oder „Maske in Blau“. In letzterer begann Schultheiß als Pedro del Vegas 1947, nachdem er aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt war. „Hungrig!“, hebt er hervor. Trudel berichtet von den Essensmarken und wie Walter mal die gesamte Speisekarte runtergegessen habe. „Da waren drei Gerichte drauf“, sagt ihr Mann lachend. Schnell geheiratet hätten sie, wirft Trudel ein, damals, 1950.

Als dann fünf Jahre später der Sohn Götz geboren wurde, verzichtete sie zunächst auf Theaterengagements. Von Stuttgart zog die Familie nach Wildberg, baute dort ein Häusle. „My home is my Käschtle, wie der Engländer sagt.“ Die beiden lernten den Schwarzwaldort durch einen Auftritt kennen und lieben. Zumal es sich ergab, dass dort Verwandte für eine Tante, die in Amerika lebte, ein 40-Ar-Stückle verkaufen wollten.

„Wir wollten erst nicht bauen“, so der Künstler. Dann hätten sie überlegt, dass es egal sei, von wo aus er nach Baden-Baden, Köln oder anderswohin reise. Im Grünen aufzuwachsen sei wunderbar gewesen für ihren Sohn, sinniert Wulle. „Er konnte raus, spielen, ist ein Naturliebhaber.“

„Ich weiß nicht, ob die Natur uns liebt, aber wir lieben sie.“

Frau und Sohn hätten den grünen Daumen, lobt indes der Vater. „Ich guck nur zu, wie die Blumen wachsen“, sagt er, um eines seiner tiefsinnigen wie ironischen Aperçus anzuschließen: „Ich weiß nicht, ob die Natur uns liebt, aber wir lieben sie.“

Er erinnert sich, wie er von Wildberg, dessen Ehrenbürger er längst ist, jeden Tag nach Stuttgart ans Theater pendelte. „Mit der S-Bahn erst mal bis Gärtringen – 30 Vorstellungen im Monat, montags war spielfrei.“ Stuttgart sei stets ein wichtiger Theaterstandort gewesen.

Bleibt noch die Frage, die dem Paar oft gestellt wird: Was ist das Rezept einer langen, glücklichen Ehe? „Man muss tolerant und großzügig sein, Geduld haben und lachen können, jeder hat seine Mucken“, so Wulle. Und Schultheiß betont: „Man muss auch seine eigenen Mucken kennen.“ Wie sagte er noch zu ihr vor laufender Kamera zu ihrem 90.? „Mit dir würde ich mich wieder vermählen, meine Frau kann ich jedem empfehlen.“