Berge, Wälder, Kultur: Wandern ist ein Dauertrend, gepaart mit Genuss und Erlebnis. In der neuen Ausgabe von „Aktiv & entspannt“, eine Beilage der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, dreht sich alles rund um die aktive Erkundung in der Natur. Lesen Sie heute: Weitwanderer Lutz Heidemann im Interview mit Autorin Ann-Christin Wimber.

Weitwanderer Lutz Heidemann

Lutz Heidemann aus Gelsenkirchen ist Stadtplaner i. R., Bauhistoriker, Vollblut-Weitwanderer und ehemaliger Vorsitzender des Netzwerks Weitwandern e. V. https://www.netzwerk-weitwandern.de/, eines Vereins mit rund 100 Mitgliedern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der frühere Stadtplaner aus Gelsenkirchen fing vor rund 30 Jahren gemeinsam mit seiner Frau mit dem Weitwandern an. Zweimal waren sie 17 Tage unterwegs.

Herr Heidemann, was ist eigentlich Weitwandern?

Beim Weitwandern geht es darum, ein Ziel zu erreichen, das mehrere Hundert Kilometer entfernt sein kann. Nicht das Streckemachen ist dabei wichtig, sondern das Loslaufen. Der Weg wird in mehrere Etappen eingeteilt. Es hängt von den persönlichen Umständen ab, wie viel Zeit man sich nimmt, dieses Ziel von einem bestimmten Startpunkt aus zu erreichen. Die Wahl des Zieles ist psychologisch gesehen das Wichtigste. Es sollte eine Art Sog ausstrahlen, der mich dorthin zieht. Aber es muss realistisch sein. Ich habe zum Beispiel bei Streckenplanungen immer mit drei Kilometern pro Stunde gerechnet. Denn zur Wanderung zählen auch die Pausen, das Fotografieren und Anschauen. Weitwandern ist eine besondere Art des Reisens.

Wie meinen Sie das?

Man muss sich auf Fremdes einlassen können und wollen. Beim Ausflug geht es um das Zurückkehren – so wie bei Bienen und Tauben, die ausfliegen und wieder zurückkommen. Beim Weitwandern geht es darum, mehrere unbekannte Orte hintereinander zu erreichen, dort zu übernachten und schließlich am gesteckten Ziel anzukommen.

„Das Beobachten-Können ist für mich das eigentlich Spannende“

Was macht das Weitwandern für Sie so reizvoll?

Das Beobachten-Können ist für mich das eigentlich Spannende. Das ist natürlich eine Frage der persönlichen Interessenlage. Meine Frau und ich haben immer versucht, in Kulturgebieten zu wandern, wo es Spuren von Menschen und Siedlungen zu entdecken gab oder gibt.

Gibt es Wanderkarten für Weitwanderer zum Nachlaufen?

Es gibt viele markierte Wege. Denn das Wandern über weite Distanzen gibt es schon seit Längerem – circa 1920 kam das auf, in den 1950er Jahren wurde es in Frankreich populär. Hier gibt es wunderbare Fernwanderwege, die Sentiers de Grande Randonnée. Allerdings gibt es auch hier vorgegebene Wanderwege wie den Eifelstieg, den Werra-Burgen-Stieg oder andere. Außerdem ist es heutzutage dank GPS kein Problem mehr, sich seine eigene Weitwanderroute zusammenzustellen.

Es geht beim Weitwandern also nicht darum, möglichst lange zu laufen, sondern eine bestimmte Strecke zurückzulegen?

Stimmt. Es ist kein Sport. Natürlich gibt es auch bei Weitwanderern Menschen, die auf Ausdauer setzen und sich beweisen wollen. Aber das würde ich nicht zur Kategorie Weitwandern zählen. Ich fasse es als eine Art Stil auf.

Muss man Weitwandern denn trainieren?

Trainieren ist ein Begriff aus dem Sport, insofern passt er nur bedingt. Man sollte es aber anfangs ausprobieren. Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass man sich einen Ort in der Umgebung sucht – wo es vielleicht auch Nahverkehrsverbindungen gibt – und versucht, dorthin zu Fuß zu gelangen. Abends lässt man sich dann mit Bus und Bahn zurückbringen. Vielleicht gibt es in der Nähe sogar markierte Wege, die man nehmen kann.

Was unterscheidet das Weitwandern vom Bergwandern, Herr Heidemann?

Aber eigentlich übt man das Aushalten-Können, richtig?

Genau. Wer zu Fuß unterwegs ist, wird zu einer langsamen Schnecke. Es ist eine völlig andere Art, die Umgebung wahrzunehmen. Man muss erst einmal den Mut entwickeln, sich allein oder zu zweit auf den Weg zu machen und sich auf diese Langsamkeit einzulassen. Zu den positiven Erfahrungen gehört auch das Sich-Bewähren in der Fremde, wenn man außerhalb Deutschlands wandert, das Kennenlernen von anderen Menschen und Kulturen.

Was unterscheidet denn das Weitwandern vom Bergwandern?

Das alpine Wandern von Hütte zu Hütte ist eine ursprüngliche Form des Weitwanderns. Ansonsten ist es die Sportlichkeit, dieses Überwinden von Hindernissen, die das alpine Wandern vom Weitwandern unterscheidet.

Was raten Sie jemandem, der das Weitwandern versuchen möchte?

Zuerst muss man seinem Körper vertrauen können. Um das zu lernen, kann man mit ein- oder zweitägigen Touren beginnen. Dann könnte man anfangen, etwa auf dem Friedenspfad zwischen Münster und Osnabrück, an Küstenwanderwegen oder anderen Fernwanderwegen zu laufen. Auch Pilgerpfade sind eine gute Sache, weil es dazu vielfach Wanderführer inklusive Übernachtungsmöglichkeiten zu kaufen gibt. In Deutschland sind diese zudem nicht so überlaufen wie in anderen Ländern. Weitwandern eignet sich besonders, wenn ein biografischer Schnitt im Leben auftritt – also etwa am Ende einer Berufstätigkeit.

Wie fühlt man sich, wenn man angekommen ist?

Man ist glücklich, sein Ziel erreicht zu haben. Ich war immer dankbar für die Eindrücke, die ich auf dem Weg geschenkt bekommen habe. Man hat es geschafft, ist aber nicht geschafft.