Wer neu in die Landeshauptstadt kommt, hat viel zu entdecken. Das Magazin Willkommen in Stuttgart 2020 der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten bietet spannende Informationen für einen guten Start in der neuen Heimat. Und tolle Geschichten rund um die Stadt – all das und noch mehr in unserem Magazin für Stuttgarter Neubürger. Lesen Sie heute: Der perfekte Ort für ein Picknick mit Freunden – die Grabkapelle auf dem Württemberg. Von Michael Schoberth

Willkommen in Stuttgart

Foto: Michael Schoberth

Unser Willkommen in Stuttgart 2020-Autor hat DIE Idee: ein Picknick mit Freunden an einem spätsommerlichen Herbsttag. Schnell ist die Grabkapelle auf dem Württemberg als idealer Ort ausgemacht. Mittagszeit, Punkt 13 Uhr, wir breiten auf der Wiese unterhalb des historischen Gebäudes die Decken und die Taschen aus. Jeder hat etwas dabei. Es kommen Käse, Brot, Avocados, Caprese  und eine Schafswurst zum Vorschein.

Kann es einen entspannteren Sonntagmittag geben, als mit Freunden in der Sonne auf einer grünen Wiese mit einer kühlen Limo in der Hand zu liegen? Alles perfekt! Fast, denn die Grabkapelle zieht an einem schönen Tag viele Besucher an. So werden wir mit unserem exponierten Picknick zur zweiten  Attraktion. Ein Geheimtipp ist die imposante Begräbnisstätte aus dem 19. Jahrhundert  für die württembergische Königin  Katharina ohnehin nicht.

Von der Picknickdecke aus können wir über den nicht abreißenden Besucherstrom soziologische Studien anstellen. Wandergruppen, die von Untertürkheim herauf durch die Weinberge gelaufen sind, stapfen schweren Schritts vorbei. Schicke Damen in hohen Schuhen stöckeln vorbei. Erschöpfte Eltern scheuchen ihre Kinder beim Ausflug die letzten Meter hinauf. Ein älterer Herr tritt kräftig in die Pedale seines Liegefahrrads und wird dabei von Segway-Touristen überholt.

„Die Liebe höret nimmer auf.“

Junge Liebespaare ziehen sich auf der Suche nach Romantik auf eine Bank zum Knutschen zurück.Die Liebe ist das große Thema der Grabkapelle, über deren Haupteingang zu lesen ist: „Die Liebe höret nimmer auf.“  Den Bibelspruch wählte Wilhelm I., König von Württemberg, um an seine große Liebe Katharina zu erinnern, die 1819 verstarb. Bei Kaffee aus der Thermoskanne und selbst gebackenem Zwetschgenkuchen erörtern wir das dramatische Liebesleben des Paars. „Ich habe zum ersten Mal in der Grundschule von Katharina gehört“, sagt Nele, in der  vierten Klasse musste sie einen Aufsatz über die Königin schreiben. „Damals wusste  ich jede Jahreszahl auswendig“, sagt Nele.

Heute weiß sie fast gar nichts mehr über Katharina, gibt sie zu. Inge war als Teenagerin fasziniert von den Zarentöchtern, die nach Stuttgart kamen. „Ich war begeistert von Katharina und habe einige Bücher gelesen“, erzählt sie. „Auch über Königin Olga und die Großfürstin Wera, die nicht so bekannt ist, aber ebenfalls nach Stuttgart kam.“

Mithilfe des Internets werden die Grundzüge der dramatischen Beziehung zwischen Wilhelm und Katharina Pawlowna, 1788 als Tochter von Zar Paul in der Nähe von St. Petersburg geboren, ermittelt. Bereits als Kind wird sie dem späteren bayerischen Kurprinzen Ludwig versprochen, auch Napoleon Bonaparte hegt Absichten, doch beide Arrangements scheitern.

Willkommen in Stuttgart 2020: Traumhafte Aussicht über Stuttgart

Katharina heiratet mit 21 Jahren den Herzog von Oldenburg, der bald stirbt. Jetzt ergreift Wilhelm seine Chance und heiratet seine Cousine Katharina, wenige Tage nachdem er sich selbst hat scheiden lassen. Doch der König war ein Frauenheld, und in einer bitterkalten Januar-Nacht erwischt Katharina ihn mit seiner Mätresse in Scharnhausen. Auf dem Weg zurück zieht sie sich eine Erkältung zu, an deren Folgen sie am 9. Januar 1819 erliegt. Ihr zu Ehren lässt Wilhelm die Grabkapelle errichten. Seit 1824 ist das tempelartige Rund auf dem 395 Meter hohen Württemberg weithin sichtbar.

Für Claudia, die aus der Schweiz zu Besuch ist, sind solche Hügel keine echten Berge. „Wisst ihr, was das Ticket für die Bahn  zum Jungfraujoch kostet?“, fragt sie. Was wird die Fahrt schon kosten, zehn, zwanzig Euro? „Ne, 120 Schweizer Franken, inklusive Rückfahrt natürlich.“ Vom Bahnhof Untertürkheim aus kostet die Fahrt nach Rotenberg mit dem Bus 61 hin und zurück  nur rund fünf Euro. Vorteil für Stuttgart. Für Mathias war der Württemberg der Tiefpunkt einer Wanderodyssee: „Das ist mein persönlicher K2, mein Schicksalsberg.“

Vor Jahren versuchte er, die Stadt auf dem Rössle-Weg zu umrunden. Bei 30 Grad Hitze endete seine Tour nach acht Stunden hier oben mit Blasen an den Füßen und geschwollenen Knien. Die Aussicht lässt solche schmerzhaften Erinnerungen jedoch verblassen. „Ist das da unten der Hafen?“, fragt Olli. Die Kais, die man von der Bundesstraße aus nicht wahrnimmt, sind gut zu sehen. Weiter geht der Blick durch das Neckartal: Daimler, Stadion, Cannstatt. Die gesamte Innenstadt sehen mit Schlossgarten, Karlshöhe und Pragsattel. Sogar die Schwäbische Alb.  Und so macht nahezu jeder, der hier hochkommt, Fotos von sich, der Kapelle und  der Aussicht. Wir packen wieder alles ein und legen unsere Decken zusammen.  Ein Selfie noch, und wir gehen.

Lesen Sie mehr über die Grabkapelle: https://www.grabkapelle-rotenberg.de/start/

Schwäbisch für Reigschmeckte Teil 2