Die Pandemie scheint das Stadtleben erneut zu ersticken. Doch die Stuttgarterinnen und Stuttgarter suchen mit Herzblut und Engagement nach kreativen Lösungen. Wir haben uns für die Zeitung für alle umgehört. Von Michael Schoberth

Zeitung für alle

Im Sommer war der Himmel noch so blau und weit, doch jetzt ist der Horizont kaum mehr zu sehen. Es fühlt sich gerade an wie „Gehen Sie ins Gefängnis! Gehen Sie nicht über Los und ziehen Sie keine 4000 Euro ein!“. Wer kennt diesen Spruch von der gefürchtetsten Ereigniskarte von Monopoly nicht. Trotz aller Bemühungen ist man zurückgeworfen und alles ist zerronnen.

Wie im vergangenen Jahr gab es kein Frühlingsfest, kein Sommerfest, kein Volksfest. Für manchen Stuttgarter fehlen die Orientierungspunkte. Und nun ist auch noch – spät zwar – der Weihnachtsmarkt abgesagt worden. Geht überhaupt noch was? Oh ja, man muss nur hinschauen. Der Verein Weihnachtsmann & Co. hat schon vor Wochen beschlossen, den traditionellen Stand auf dem Weihnachtsmarkt nicht aufzubauen. Damit muss er auf einen großen Teil seiner Einnahmen verzichten, die sozialen und kulturellen Projekten in der Stadt zu Gute kommen.

Doch ans Aufgeben denkt Thomas Zell, der Vorsitzende des Vereins, nicht. Die Spendenaktion läuft, man bittet nun verstärkt Firmen und Unternehmen um finanzielle Unterstützung. „Wir wollen trotz dieser Situation anderen Menschen helfen“, sagt Zell. Er selbst lässt sich nicht so leicht unterkriegen. „Meine Zeit als Jesuiten-Schüler hat mich geprägt“, erzählt er. „Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, Menschen zu helfen und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.“

„Es gibt viel zu tun in der Stadt.“

Der frühere Leiter der Mercedes-Niederlassung ist ehrenamtlich in vielen Bereichen aktiv. Er freut sich, dass es in Stuttgart viele engagierte Bürger gibt. „Es gibt viel zu tun in der Stadt.“

Was ist sein Rezept? In der jetzigen Situation vorne schauen und sich fragen, was man unternehmen könne, sagt Zell. „Ich muss immer neue Wege finden. Man muss kreativ sein, positiv denken und morgens aufstehen. Es geht immer weiter. Das ist mein Weg.“

Im Robert-Bosch-Krankenhaus stehen die Zeichen auf Alarm. Ulrich Franke ist der Chefarzt der Herzchirurgie und sieht jeden Tag die Auswirkungen der Pandemie. „Wir können nur noch Notfalloperationen durchführen.“ Termine für wichtige Herz-OPs können zur Zeit nicht vergeben werden. „Ein Drama, vor allem für die Menschen, die sich rechtzeitig impfen ließen.“ Diese müssen nun auf unbestimmte Zeit warten.

Zeitung für alle spricht mit Anja Krämer, Leiterin des Weißenhofmuseums

Dennoch resigniert Ulrich Franke nicht. „Als Ärzte sind wir unserem Ethos verpflichtet. Wir sind weiter hoch motiviert, gerade weil wir uns bewusst für diesen Beruf entschieden haben.“ Die Mitarbeiter seien gerade sehr gefordert, hielten aber zusammen.

Ihre Kräfte gebündelt haben auch das Land, die Stadt, das Klinikum Stuttgart https://www.klinikum-stuttgart.de/ und die Bundeswehr, um der vierten Welle entgegenzutreten. Gemeinsam hat man mitten auf der Königsstraße in Rekordzeit das ehemalige Kaufhaus Sport-Arena in eine temporäre Impfstation umgebaut. Als Ergänzung zu den mobilen Impfteams, sagte Gesundheitsminister Manne Lucha. Bürgermeister Thomas Fuhrmann dankte den Beteiligten: „Ein eindrucksvoller Kraftakt. Gemeinsam ist das sehr stark.“

Anja Krämer, die Leiterin des Weißenhofmuseums im Le-Corbusier Haus, will sich ebenfalls nicht unterkriegen lassen. „Wir freuen uns über jeden Besucher, und es kommen immer noch Leute zu den Führungen“, sagt sie. „Wir bleiben offen, so lange wir offen bleiben können.“ Es gilt die 2-G-plus-Regel. Das Team hat die Abläufe im Museum so organisiert, dass sich Besucher sicher fühlen.

Neues Format: Nachtführungen durch die Weißenhofsiedlung

Doch der Status quo genügt ihr nicht. „Wir planen ein Programm für 2022 und stellen uns zugleich auf jede Eventualität ein.“ Gerade laufen die Vorbereitungen für die Lange Nacht der Museen, von der keiner sagen kann, ob sie tatsächlich stattfindet. „Absagen? Nein, das wäre falsch. Wir wollen ein Signal senden“, sagt die Museumsleiterin. „Wir wollen aus der Situation das Beste machen, ohne dass es eine Notlösung, sondern eine innovative Lösung ist.“

Und so entwickelte das Museumsteam ein neues Format: Nachtführungen durch die Weißenhofsiedlung, bei denen die Architekten der Häuser digital zu Wort kommen. „Das Museum so lange wie möglich offen zu lassen, ist für uns eine kulturelle Verpflichtung“, sagt sie. Für sie und das Team sind die strengen und sich ständig ändernden Bedingungen eine Herausforderung. „Alle sind für einander eingestanden und haben mitgezogen. Dafür bin ich dankbar.“